Ich brech den Tabus das Genick

23. Februar 2014

Heute möchte ich mal Tabus brechen. Das letzte Mal hab ich mich noch beschämt zurückgenommen. Der Kommentar “Das sagt man nicht vorm dritten Monat!” hatte die Fähigkeit, mich vor zwei Jahren zum schweigen zu bringen. Ich schämte mich. “Wie konnte ich nur!”

Ich hatte vor dem besagten Glücks-Monat in meinem sozialen Umfeld darüber offen gesprochen, dass ich schwanger bin und dass ich dabei Beistand brauche. Zu groß war meine Aufgeregtheit, der Sache gewachsen zu sein. Ich konnte mich nicht dem Du-darfst-es-niemanden-vor-dem-dritten-Monat-sagen-Mythos unterwerfen. Ausserdem wollte ich auch nicht an Katzen-vor-links-Zeugs glauben. Mir musste schlicht weg geholfen werden, ich brauchte Unterstützung im Glauben an mich. Ich habe großen Respekt vor Tieren und riesigen Respekt vorm Kinder-in-die-Welt-setzen-und-aus-ihnen-anständige-Menschen-werden-zu-lassen. Ich fühlte mich stark überfordert.

Bei mir liefen ganze Filme ab. Was wenn ich versage? Ich hatte schon mit Freundinnen darüber gesprochen, dass ich Omas, Opas, Tanten und Onkels für das Kind bräuchte und dass ich jenes bekannte Indianer-Sprichwort “es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß werden zu lassen” mir aus dem Herzen sprach. Ich möchte mein Kind gar nicht alleine prägen. Gut, die Grund-Verantwortung würde ich schon übernehmen, aber in mir sind in frühster Kindheit auch Anteile gesät worden, die ich seit Jahren in der Therapie versuche zu transformieren. Was, wenn es mir nicht geglückt ist mich zu neutralisieren und diese Anteile wieder ausbrechen und mein Leben sich an meinem Kind wiederholt?

Ich habe Selbstgespräche geführt, mich schon im Vorfeld für meine merkwürdige Art entschuldigt und mir überlegt, wie das Kind bloß später rechnen und schreiben lernen soll. Ich bin Legasthenikerin, zwar eine kreative mit einem super Bauchgefühl, aber ich wüsste nicht, wie ich Bruchrechnen im höheren Segment erklären sollte oder warum es einmal der Weg heißt und einmal, ich bin dann mal weg. Am Gipfel meiner Selbstzweifel angekommen, habe ich zum Glück immer noch die erlösende Erkenntniskurve bekommen “es gibt noch einen liebenden Vater und Herzens-Freunde, ich bin nicht alleine! Meine Wahlverwandtschaft ist groß!”

Als es noch vor dem dritten Monat verschwand, fühlte ich mich erlöst, ich war irgendwie dankbar.

Tabu Nummer eins.

Ja, ich war erleichtert. Ich hatte mich gerade entschlossen, meine Agentur zu beenden, mich getraut eine Türe zuzumachen, um eine andere aufgehen zu lassen. Ich stand sozusagen im luftleeren Raum. ich hatte Bammel, dass ich mein Leben niemals von zweihundert auf null, ohne Rücksicht auf Verluste, runterfahren könnten. Einer hätte darunter bestimmt gelitten. Rado, Mondgesicht (so habe ich den kleinen Ötzel in mir genannt) oder ich.

Jetzt sind genau zwei Jahre vergangen. Diesmal hab ich mich mit meinem Schamgefühl verbündet und es nur ganz wenigen Freundinnen anvertraut. Ich fühlte mich in manchen Situationen sehr verlogen an. Doch letztes Mal war es im Nachhinein dann doch etwas wie ein Spieß-Ruten-Laufen gewesen. Viele haben sich über meine Offenheit gewundert, voller Mitleid reagiert und mich bedauert. Es fühlte sich nicht schön an. Viele projizierten ihre leidhaften Erfahrungen und Gefühle auf mich. Ich hatte das dumpfe Gefühl, etwas ganz gravierend falsch gemacht zu haben. Aber, ich durfte mal wieder lernen, für mich einzustehen und zu sagen, dass es mir damit gut geht und das ich sogar erleichtert bin. Das hat mich geübt und mich frei gemacht. Denn mein Ziel ist es ja, nicht mehr zu funktionieren.

Etwas tapsig habe ich liebevoll erklärt, was sich hinter meiner Kind-bekommen-Phobie befindet und das ich ihr auf den Grund gehen möchte. “Ein bisschen Zeit hab ich ja noch, obwohl ich ja schon zu den Spätgebärenden gehöre. Aber ich glaube an mich!”

Es war unglaublich, je ehrlicher ich über meine Gefühle sprach desto mehr öffnete sich mein soziales Umfeld. Ich erfuhr von vielen Frauen, dass sie auch schon Fehlgeburten hatten. Es waren ganz schön viele. Ich war geschockt. Wieso sprach darüber niemand?

Das wir über Abtreibungen nicht sprechen, habe ich vor sieben Jahren schmerzhaft erfahren dürfen. Auch da haben mir viele Frauen gestanden, nach dem ich ihnen ehrlich von meinem Ins-dunkle-Loch-plumpsen und Mit-den-Dämonen-kämpfen erzählt hatte, dass sie bereits ein bis zweimal abgetrieben hatten.

Tabu Nummer zwei.

Wenn wir bedenken, dass die Fortpflanzung uns alle betrifft und das es wohlwissend ein ganzes Dorf benötigt ein Kind groß zu ziehen, wieso muss eine Frau dann diese “normalen” Erfahrungen mit sich alleine klarmachen?

Mir geht es gut. Ich habe mich diesmal viel mehr auf Sonnenschein (so hieß es diesmal) gefreut und Dank einer lieben Freundin sogar mit Stricken begonnen. Es gibt jetzt schon einen rosa-blau-gestreiften Strampelsack für Purzelchen (so kann es ja beim dritten mal heißen). Es hat mir gut getan zu stricken. So hab ich mich der werdenden Aufgabe friedlich strickend nähern dürfen, die Gedanken konnten kommen und gehen und das all-morgendliche Wandern hat mir natürlich auch gut getan. Ich habe viel mit Sonnenschein gesprochen. Ich habe ihm auch von meinen Ängste erzählt und gemeinsam haben wir gelacht, als ich mir ausmalte, wie ich in der Schule beim Elternabend doofe Fragen stelle und sage, dass ich es auch zu was gebracht habe, ganz ohne gut lesen und schreiben zu können.

Auch hab ich ihm gesagt, dass es nicht gerade die stabilste Situation in unserem Leben sei, in die es einkehren würde. Aber das ist wahrscheinlich das, was viele Menschen zu den kommen-wollenden Kindern sagen. Passt es denn jemals?

Ich habe mich diesmal auf Sonnenschein gefreut und ich muss sagen, ich glaube mir mittlerweile sogar, dass ich eine prächtige Mutter abgeben würde.

Ja, es hat sich so viel verändert in diesen zwei Jahren! Ich erkenne mich gar nicht mehr wieder. Vor einigen Jahren bretterte ich noch mit der Rennsemmel des Nachts mit 300-Sachen über die Autobahn. Jetzt freue ich mich über die dritte Sorte Schneeglöckchen, die ich in einem Bauerngarten entdecken konnte.

Wer weiß, wofür das, was wir erfahren alles gut ist. Es verändert mich und das ist gut so. Ich vertraue mich dem an, was da werden will. Und vielleicht möchte es Purzel ja in Kürze noch einmal probieren. Wenn ich davon ausgehe, das Fehlgeburten total normal in unserer Spezies sind und die Gesellschaft lediglich darüber zu sprechen verlernt oder nie gelernt hat, dann ist es doch gar nichts schlimmes. Ich muss mich nicht voller Scham verkrümeln und hoffen, dass es niemand erfährt und wenn nur flüsternd. Ich bin ein paar Tage in mich gegangen und habe mich von Sonnenschein verabschiedet, Ja. Aber ich möchte auch beginnen darüber offen und normal sprechen zu lernen.

Probieren wir es weiter. Ich möchte hoffnungs-froh und unverkrampft bleiben. Gianna Nannini hat noch mit 56 eine Tochter zur Welt gebracht. Das ist spätgebährend!

4 Kommentare vorhanden

  1. Hanna sagt:

    Meine liebe Agapi,

    zu dem Persönlichen habe ich dir eben schon persönlich geschrieben. Hier möchte ich nur mit einem Zitat kommentieren, das ich heute entdeckt habe:

    „Schreiben ist ein Training in Wahrhaftigkeit.
    Hinhören auf die stimmlose Stimme des Herzens heißt
    sich selbst nicht belügen.
    Und den Mut zu haben, die Erfahrung wahrhaftig zu
    benennen, sie zu sagen, und an die Anrufbarkeit des
    anderen zu glauben.
    Das ist dreierlei Mut, den der Autor braucht.“

    (Hilde Domin)

    Lieben Gruss, Hanna

    • agapi sagt:

      Danke Hanna für Deinen wunderschönen Kommentar.
      Ich musste das Zitat öfter lesen, um es zu verstehen.
      Und das Wort “Anrufbarkeit” musste mir Rado erst erklären.
      Es rührt mich sehr, Danke Dir!
      Agapi

  2. Torsten sagt:

    Wie schön von Dir zu lesen. Und ich weiss noch genau wie Du mir erzählt hast … und wie Du mir vom Verlust erzählt hast… und auch ich glaube Tabus sind nur solange Tabus wie man sie tabuisiert….

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