Bedürftigkeit als Motor

20. März 2014

Während ich mich in den letzten Tagen mit Haut und Haar der Schirm-Produktion hingegeben habe, entstanden bei Rado in seiner Werkstatt leckerste Macarons. Sie sind das süsse GUTDING-Seelenfutter, das mit einem Banderölchen versehen auch Text-Nahrung für Frau und Mann transportiert. Zu probieren bei der Ladeneröffnung.

Ja, Rado und ich laden zur Stippvisite ein. Vom 28. bis 30. März immer von 12 bis 18 Uhr öffnen wir unsere Haustür vom Hexenhaus.
Das sich darin befindende klitze-kleine Setzkasten-ähnliche Lädchen wird eröffnet und im schlanken Arthur – unserer Wohnküche – wird es eine neuartige Verköstigung geben. Und am Samstag den 29. wird es die Möglichkeit geben, an der ersten Tafelrunde im Arthur teilzunehmen. Die ersten zehn, die fest zusagen, werden die ersten Gäste sein.

Da das Arthur, wenn wir keine Gäste haben, meine Werkstatt ist und Rados Werkstatt, die Küche dann fast Tür-an-Tür zu meine Handels-Kammer ist, hören wir gemeinsam Hör-Sach-Bücher. Dabei kann ich super gut arbeiten und mich konzentrieren und aufmerksam einem Thema lauschen, dass mich im Kopf zusätzlich zu meiner Fingerfertigkeit herausfordert. Das letzte war eins mit Marshall Rosenberg im Interview. Der Mann ist der Ursprung des Spreche-das-aus-was-Du-fühlst-und-das-was-Du-brauchst-um-glücklich-zu-sein. Er kann bei sich bleiben und scheint keine Verletzungen mehr in sich zu tragen, er rastet nicht mal mehr bei Provokateuren aus, er bleibt bei sich und nimmt sich und seine Umwelt ernst. Er fühlt mit seinem Gegenüber und sei es noch so ein bitterer und übler Zeitgenosse.

Irre, vor 10 Jahren war ich einmal übers Wochenende bei einem Schnupper-Kurs für Gewaltfreie Kommunikation und da konnte ich gar nichts damit anfangen. Alleine das Anwesend-sein ließ mich schon wütend werden. Mir war es unangenehm und ich versuchte so gut wie möglich friedlich zu sein. Doch es fühlte sich für mich unstimmig an, so aufgesetzt, so wie-wenn-der-Plattenspieler-auf-eine-falsche-Schnelligkeit-gestellt-ist.

Alle Teilnehmerinnen waren ganz lieb. Nur weil es gerade angesagt war, so sozial und ach so politisch korrekt zu sein. Ich brodelte.

Das übelste war, dass ich es den Kurs-Leiterinnen beim besten Willen nicht abkaufen konnte, dass sie es selber so lebten. So vieles fühlte sich für mich faul an.

Als Rado dies Sach-Hör-Buch anmachte kämmten sich meine Nackenhaare. Ich wollte gerade zum Wider-Wort ansetzten, da dachte ich “ach, herrje, gib dem Marshall doch ne zweite Chance. Vielleicht hast Du Dich ja verändert. Vielleicht ist er echt.”

Er hat mich überrascht und ich bin mir und ihm echt dankbar. Danke, dass Rado dem Mann das Wort für zwei Tage in unserem Werk-Flow gegeben hat. Und es passt vorzüglich zu Gemeinschaftsbildung.

Jener Marshall Rosenberg spricht von “wölfisch”, dass ist die Sprache der Menschen, die immer bewerten, vergleichen und verurteilen. Das machen diese wölfisch sprechenden und denkenden Menschen nicht nur mit anderen, dass machen sie sogar mit sich. Und das sind gar nicht so wenige, wir sind es alle, denn wir sind mit wölfisch groß geworden. Was ich sehr aufschlussreich fand, war unter noch-vielen-anderen-Pünktchen, dass er das Bewerten mal aufgedröselt hat.

Das ist jetzt mein Beispiel, okay?! Also, wenn ein Heinrich in der Sand-Kiste ein Sand-Törtchen wie aus dem Bilderbuch gebacken hat und die Mutter ihn lobt “das hast Du aber fein gemacht, mein lieber Heinilein!” dann ist das genauso wölfisch wie “das musst du aber noch ganz oft üben, Heinrich!”

Er empfiehlt mit den Gefühlen zu reagieren, zu sprechen, die einem beim Anblick des Törtchens kommen. Na ja, ich schlüpf jetzt mal in die Rolle einer Heinrich-Mutter und ich bekomme die Leckerei gereicht, dann esse ich es und frage mich, ob es mir gemundet hat. “Mmmh, das mundet mir. Das macht Lust auf mehr. Wäre es möglich ein weiteres zu probieren?” wäre eine Möglichkeit “Oh, ich mag kein Marzipan. Könntest Du mir bitte ein Schoko-Törtchen mit Heidelbeeren machen?” eine andere. Ob man auch, sollte man echt mies drauf sein “Heinrich, es tut mir leid, aber mir ist gerade gar nicht gut. Mein Bauch zwickt und kratzt. Ich möchte nichts probieren.”  sagen? Ich denke, so hab ich es verstanden.

Auch schön ist das mit den Dankbarkeits-Knebeleien. Er sagt, dass wir Menschen denen wir dankbar sind, unbedingt die Dankbarkeit gegenüber aussprechen sollten auch wenn es ihnen unangenehm ist und sie es so gar nicht ertragen, dass man sie berührt und wertschätzt was sie für einen getan haben. Da rät er “Bitte lass mich aussprechen, ich bin noch nicht fertig!” zu sagen und am Ende, um den Gegenüber so richtig zu triezen, noch einmal zu sagen “kannst Du mir bitte sagen, was Du gehört hast?” Herrlich. Ich weiß nicht, ob ich mich das jemals traue, aber köstlich ist es.

Das mit dem “kannst Du mir bitte sagen, was Du gehört hast?” ist überhaupt gut, wenn man in kniffeligen Situationen ist, wo das mit den jeweiligen sich-fühlen-wahrnehmen-und-jeder-nimmt-rücksicht-auf-sich mal nicht so gut klappt. Das hilft, so Rosenberg, dolle über Missverständnisse hinweg.

Toll auch ist, dass er das Beobachtende-Beschreiben empfiehlt. Das miese bewerten ist so verankert in unserem Denken also auch in unserer Sprache, dass es oft nur durch ein Mücken-Stückchen zum Mega-Bison-Streit kommt. Hinterher weiß keiner mehr wieso. Dabei sind es wirklich die kleinen Stiche die ins Schwarze treffen. Das schwarze sind unsere Bedürftigkeiten. Wenn ich also gesehen werden will und jemand sieht so gar nicht mich, sondern nur sich, dann trampelt er mir ja schon ohne das er was “falsch” macht auf der Seele rum.

Sein Tipp, wenn ich was merke, dann soll ich sagen was ich merke. Und dann, dass ich das und das bräuchte, damit es mir besser gehen würde. Wenn wir es schaffen eine Bitte zu formulieren, dann sei es ganz dolle hilfreich, denn dann kann unser Gegenüber unsere Empfindungen mitfühlen und dann fällt es ihm gar nicht schwer sich in mich hinein zu versetzen. Dann klingt sein Herz mit meinem.

Die Wut-darf-leben hat mir auch gefallen. Er spricht davon, dass alle Gefühle die wir haben wichtig sind, denn jedes Gefühl will uns etwas mitteilen. Also auch die böse Wut. Richtig, Falsch und so gibt es bei ihm übrigens auch nicht. Unsere Gefühle seine unsere Bedürfnisse, wie Auf-Klo-gehen-müssen oder Hunger-haben. Also horche auf die Wut, horche auf die Traurigkeit und auf den Neid. Halleluja, es ist erlaubt neidisch zu sein.

Hinhören ist wichtig und dann für sich, um sich und seine Bedürftigkeiten sorgen.

Wenn ich mir überlege, dass meine frühgesäten Mangelerscheinungen Bedürftigkeiten geschaffen haben, die mich so wie die Wut bewegen und scheuchen, dann ist es doch ganz toll. Alles was ist hat seine Berechtigung, alles in mir ist für etwas sinnvoll. Wenn ich hinhöre, dann werde ich es erfahren.

Das ist befreiend. Es ist als würde eine frische Brise um meinen Kopf brausen.
Und sie duftet so frech nach Frühling.

Danke für die Aufrichtigkeit, Marshall Rosenberg!

p.s. Das was wir gehört haben war “Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation” von und mit Gabriele Seils

 

 

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