Hola die Waldfee

16. Mai 2014

Unser Hexenhäuschen duftet nach Flieder, Maiglöckchen und Hasenglöckchen. Immer mehr Pflanzen recken und strecken sich gen Himmel. Es ist unglaublich, was die Natur alles bereit hält. Überall popt es aus dem Boden. Es quillt förmlich. Als wenn Mutter-Erde die Mähne wächst. Ich mach mir keine Sorge, wenn wir Menschen die Mutter Erde irgendwann so überstrapaziert haben, dass sie uns fortschickt oder wir uns ins aus gestoßen haben, dann berappelt sich die Natur bestimmt im Nu. Uns braucht hier niemand.

Der Mann vom Hygiene-Amt war da. Ein sehr netter Mann. Viel lockerer als ich mir so einen Mann vom Amt vorgestellt habe. Auf seinem Nach-Hause-Weg ist er bei uns rumgefahren. Toll was?! Danke dafür, lieber Hygiene-Mann.

Er hat unsere Küche nur mit einem gekonnten Blick gestriffen und für ungültig befunden. Es könnten Dinge von der Decke hinabfallen. Alles in und an ihr muss leicht abwischbare Flächen besitzen. Das hat unsere Hexenhaus-Küche nicht. So gar nicht. Das hat er gesehen. Mit einem Blick.

Nun ja, aber der Mann war klasse. Er hat sich mit uns hingesetzt, ganz entspannt und wir konnten ihn alles Fragen. Er hat sich über nichts gewundert. Stattdessen war er ganz angetan von all unseren Ideen. Nur bei meinen Upcycling-Taschen aus schon einmal benutzten Kartoffel-Säcken war er überfragt. “Wie wollen sie die denn steril bekommen? Bei 200° in Ofen geht ja nicht und Kochwäsche auch nicht.” ich sah ihm die Qualen an, die sein Gehirn haben musste, es lief immer gegen Hygiene-Verordnungs-Wände. “Da waren Kartoffeln drinnen, die kommen aus der Erde und in der Erde haben wir die meisten Bakterien!”

Irre, Mutter-Erde hat die meisten Bakterien. Vielleicht ist gerade das ihr Glück?

Er versuchte sich in all meine Upcycling-trifft-auf-Lebensmittel-Ideen hineinzugeben. “Nun ja, wenn Sie dem Käufer die Entscheidung überlasse und er die Gläser in die Kartoffelsack-Tasche tun möchte, dann müsste es wieder erlaubt sein.” Er stand sogar meiner Idee, die Smoothie-Glas-Kühlung aus schon verwendeter Tetrapack-Verpackung zu schneidern offen gegenüber.

Er hat uns Mut gemacht und ich durfte verdammt viel über unser Deutschland-Regelwerk und die EU-Kompromiss-Landschaft lernen. Nettonachricht: Gehen tut alles, wenn man weiß was geht und wie was geht, wenn es nicht geht. Umschiffungs-Ideen braucht es.

Bei der Hygiene-Schulung haben wir auch viel wahrgenommen und gestern beim Profi-Chemiker in Neumünster haben Rado und ich viel Neues mitgenommen. Lebensmittel herzustellen und sie zu verkaufen ist so gar nicht schlicht. Es lauern überall Fettnäpfchens in die hineingeplumpst werden kann. Und wenn man so hehre Ziele, wie ein Mehrweg-System aufzubauen, dann steht man schon am Abgrund eines Fettnäpfchens ohne überhaupt etwas gemacht zu haben.

Es sind zum Beispiel die Gläser. Gestern haben wir uns umentschieden. Wir werden auf Weck-Gläser umsteigen, weil sie viel leichter zu vakuumieren sind und weil sie sich ganz leicht in zwei Materialien trennen und somit am Ende super sterilisieren und recyceln lassen. Aber das was da alles mit dran hängt, ist unglaublich. Ich hätte schwören können, dass das Gummi mehrmals verwendet werden darf. NEIN, das müssen wir jedes mal wegschmeißen. Auch die Deckel von den Gläsern hätten wir nach jedem Nutzen wegschmeißen müssen und das dumme an den Deckeln ist, dass man die daran befindlichen Materialien nicht voneinander getrennt bekommt. Der Chemiker erklärte uns, das die sogar Weichmacher beinhalten, die auf die Lebensmittel abfärben können bei Wiederverwertung. Irre, das wusste ich gar nicht. Grusel. In der Öko-Branche benutzt man also andere Deckel die auf Wasserlöslicher Basis produziert werden, aber somit auch den Nachteil haben, dass sie beim Waschen ihre Funktion verlieren und die Dichtung weggewaschen wird. Dann bildet sich Rost und das führt zu Verschluss-Hemmung. Oder so ähnlich.

Wir haben uns wieder mit dem Chemiker verabredet. Er macht uns ein Angebot über 1. Etiketten-Prüfung, 2. Mindest-Haltbarkeits-Datum-Prüfung kurz MDH-Test, 3. Allergie-Test und 4. Sonst-noch-was-für-abverlangte-Unterziehungen. Wir liefern ihm im Gegenzug eine Einkaufsliste mit Fotos von der Umverpackung unserer eingekauften Produkte, Rezepturen-Listen und 10 Probe-Gläschen von jedem Aufstrich. Und dann müssen wir ein HACCP-Konzept schreiben. Bei manchen Ausdrücken musste ich auch dreimal nachfragen und ehrlich gestanden, wusste ich bis heute auch nichts vom Bundesministerium für Risikobewertung. Mir kamen gleich Kinder mit Fahrradhelmen und Sturzschutz an Knien und Armen auf Spiel-Plätzen vors Geistige Auge. Nee, dort wird z. B. schlimm-verstrahltes Kinderspielzeug aufgedeckt, rückorganisiert und zurück-eingesammelt. Oder EHEC wurde dort behandelt und aufgeschlüsselt. Das tollste neue Wort ist aber eindeutig “der Abklatsch“. Er hat so gar nicht nur mit dem Abklatschen beim Fangen zu tun, nö, so nennt sich auch ein Porbe-Gläschen im Labor.

Die Etiketten sehen jetzt schon richtig Supermarkt-professionell aus und warten nur noch auf die Chemiker-Freigabe, dem Segen vom Hygiene-Amt und dem Bio-Zertifizierer. Die neuen Weck-Gläser sind geordert und der Verkaufsstand für den Bauernmarkt auf Gut Wulksfelde ist im Kopf schon sehr weit gediegen. Und, eine ganz rührige Idee für ein Soziales-Netzwerk-GUTDING-Projekt ist mir gestern auch noch beim Nähen von ein paar Einkaufs-Taschen im Denk-Fühl-Organ über den Weg gelaufen. Aber die lasse ich noch etwas gären, bevor ich sie hier nackig mache.

Es entzünden sich auf alle Fälle immer mehr Ideen in mir. Es sprudeln Blubber-Freu-Bläschen aus meinem Herzen. Es macht richtig Laune frech, frei, fordernd groß zu denken und sich keine Sorge über das kapitalistische und mehrfach getestete Kaufverhalten der Menschen zu machen. Rado und ich haben beschlossen uns treu zu bleiben und uns nicht zu verkaufen, nur weil sich dann alles besser verkaufen ließe. Wir wollen selbstbewusst das leben und kommunizieren, was uns erfüllt, bewegt und wonach uns ist. Wir glauben daran, dass sich gerade jetzt viel verändern will.

©agapi_maiglöckchen_0004

2 Kommentare vorhanden

  1. kerstin r sagt:

    Liebe Agapi, lieber Rado,
    ach war das wieder ein Lesesschmaus. Ich finde es so großartig, wie beharrlich ihr die Wege sucht, findet und geht. Ich drücke euch von Herzen fest die Daumen und freu mich über die Entfaltung von GUTDING.

    Alles Liebe
    Kerstin

    • agapi sagt:

      Danke Kerstin. Die Vorstellung das sich GUTDING entfaltet find ich schön. Ich stelle es mir vor wie eine Blume die sich reckt und streckt und die dann am Ende noch ihre Blüte öffnet. Schön dass Du dabei bist.

      Herz-hüpft-Grüße,
      Agapi

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