Ins Herz

1. September 2014

Meine Gedanken flitzen in meinem Leib herum, bevor ich meine Augen aufmachen kann. Ich befinde mich also noch in der Traum-geht-Erwachen-kommt-Phase. Sie leisten glaube ich Vorabeit oder machen einfach nur Party. Ich bin gerade erst mit meinem Verstand dazu gekommen – muss erst einmal lauschen worum es geht.

Lustig ist, dass ich mittlerweile weiß, das die Gedanken immer dann Radau machen, wenn ich mich auf etwas freue. Dann steht etwas Großartiges an. Dann bin ich mit etwas oder irgendeinem Aussergewöhnlichen verabredet oder darf an etwas Besonderen teilhaben. Neulich zum Beispiel haben meine Gedanken schon das Auto gepackt, als wir in der Großen-Groß-Küche mit dem netten Großen-Groß-Küchen-Betreiber zum Test-Produzieren verabredet waren.

Heute liegt es bestimmt daran, das wir gestern hier in Martinshof gekündigt haben. Ende November ziehen wir um. Ja, wir haben einen neuen Ort gefunden. Einen unglaublichen magischen Ort. Dieser Ort hat was beschützendswertes. Er strahlt und spricht. Es scheint mir, als würden die alten Bäume, Buchsbaum-Büsche und -Hecken, die Rododenren und die Gemäuer und Mauern dort mir ihre Geschichten zuflüstern. „Wir wurden immer schon beschützt!“ raunt es „wir wurden immer schon lieb-gehabt!“

Ich habe immer gedacht, die Leute spinnen, wenn sie mir weiß machen wollten, dass Bäume, Orte oder gar Steine sprechen können. Ich habe den Menschen, die angeblich mit Bäumen kommunizieren können immer zugehört, mir das vorgestellt, wie es so sein würde, wenn ein Baum zu sprechen beginnt. Habe mir vorgestellt, ob es so holprig aussieht wie beim Herrn der Ringe, wenn die Bäume zu gehen anfangen.

Nun bin ich auch so ein komischer Mensch, der meint, die Bäume hätten ihm etwas zugeflüstert. Na ja, sie haben nicht so richtig gesprochen, wie wenn der Postbote ein Päckchen bringt und sagt „Bitte hier einmal unterschreiben!“ So natürlich nicht! Aber ich habe die ganze Zeit etwas gefühlt, als ich im großen Guts-Garten umherging, in die hohen, bestimmt 120 Jahre alten Bäume schaute, mit den Augen die Baum-Krohnen abtastete und im Gras die weichen Maulwurfshügel fühlte. Es war so ein Gefühl von Kontakt mit etwas.

Einmal habe ich zum Beispiel gefühlt, dass der Ort mit friedlicher Verantwortung in einer liebevollen offenen Hand gehalten wurde und gehalten wird. Es sind gefühlt auch mehrere, die ihn halten und ihn beschützen. Ja, das ist es, was ich bisher fühlen konnte. Ich bin ja noch dabei meinen Gefühlen auf den Grund zu gehen. Sie erst einmal zu fühlen und dann zu schauen, was sie so für einen Sinn machen. Das ist spannend und auch noch verunsichernd-machend.

Der Ort, an dem wir in Balde leben dürfen, befindet sich in der Nähe von Bad Oldesloe, da wo die Ausläufer der Holsteinischen Schweiz sich entlangziehen. Wir dürfen in das lichtdurchflutete Souterrains des Gutshaus ziehen und die darin wohnende alte heimelige Gutsküche wiederbeseelen. Es scheint mir, als dürfen wir dabei sein, wenn ein kleines Flämmchen etwas entzündet. Ich fühle Demut, aber nicht devote Demut, nein, ich fühle mich so, wie wenn ich einem starken, schwarzen, Mustang begenen würde. Vorsichtig, mit tiefem Respekt im Herzen würde ich stehen bleiben, verweilen und mich, wenn überhaupt nur, ganz ruhig und achtsam dem kraftvollen Wesen nähern. Die Demut meine ich. So passt es auch, dass Rado und ich uns in das Souteraint verliebt haben.

Ich bin so sehr berührt, das meine Seele Gänsehaut hat. Vor Freude, dass dieser Ort uns über den Weg gelaufen ist und wir auch näher treten dürfen, macht mich so glücks-erfüllt, das mir Demuts-Tränen kommen. Ja, es ist, wie wenn ich dem Mustang ganz vorsichtig näher komme darf und er nicht wegläuft sondern in seiner Kraft dasteht, jederzeit bereit weg-zu-gallopieren und mir einen Schritt noch und noch einen kleinen Schritt erlaubt, mich ihm zu nähern. Da würde meine Seele auch Gänsehaut bekommen und mir die Demuts-Tränen kommen.

So fühlt es sich gerade für mich an.

Am Samstag haben wir im Guts-Obst-Garten die Pflaumen pflücken dürfen. Das war ein herrlich-schönes Sich-dem-Ort-nähern. Nun werden Rado und ich uns heute ganz dem Pflaumen widmen. Rado hat aus den ersten Pflaumen schon traumhafte Köstlichkeiten gezaubert, die unbedingt in die Welt wollen.

Ich strahle und stehe dem erneuten Wandel, der da nun wohl auf uns zu kommen will, lächelnd gegenüber. Genau ein Jahr haben wir dann in Martinshof verweilen dürfen. Es war eine schöne, lehrreiche und gute Zeit, um runter zu kommen, mich mehr-noch in dieser Einöde zu finden und mir wandernd in den Bergen zu begegnen. Wir konnten unser Eheleben hier noch einmal auf eine ganz andere Art erleben, in einsamer Zweisamkeit, die mir manchmal unmöglich erschien. Diese Zeit war wichtig, um uns tiefer noch zueinander zu führen. Martinshof war wie ein Lehrjahr. Rado und ich haben in der zweit-kleinsten Beziehungs-Einheit, Gemeinschaft leben-lernen dürfen.

Danke, Martin, das wir die Zeit hier einatmen durften.

2 Kommentare vorhanden

  1. Hanna sagt:

    Liebe Agapi,

    das klingt so wundervoll, dass ich schon beim Lesen eine Gänsehaut bekomme! Und das GAnze auch noch ganz in der Nähe von mir?? Das ist fast zu schön, um wahr zu sein! Ich freue mich sooosososehr für dich!

    Deine Hannna

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