30 Kinder

9. September 2014

Die Ereignisse tanzen schon wieder Polka. Ganz kurz möchte ich doch ein Lebenszeichen senden, obgleich mir bereits die Augen schwer werden. Meine Tage haben gerade etwas sehr lautes.

Rado und ich weilen gerade an dem Ort, an dem wir im Dezember schon wohnen werden. Es ist so aufregend. Es hat sich so ergeben wollen.

Also, die Besitzerin von dem neuen Ort kommt aus Berlin und ihr Sohn geht dort in eine Waldorfschule. Seine Schul-Klasse (4. Klasse) macht just hierher eine Klassenreise. 30 Kinder zelten im Gutsgarten, bepflanzen tagsüber das Teich-Drumherum und wir dürfen sie dreimal am Tag verköstigen. Genauer gesagt, verköstigt Rado die 30 Kinder und die 8 Erwachsenen. Ich bin die Zweit-Köchin, die Abwäscherin, die Alles-aus-dem-Kühlanhänger-holdende und ab und an auch die Kompost-weg-bringerin. Ich bin das Mädchen für alles.

Gerade habe ich das zweite Abendbrot erlebt. Das erste Abendessen, Frühstück und Mittagessen habe ich auch schon durchlebt und an dieser Stelle muss ich gleich mal meinen Respekt an alle Lehrer aussprechen. So viele Kinder in einem Raum sind echt wegschmetternd! Hut ab, dass ihr Euch dem pulsierenden, Orkan-ähnlichen Kraftbündel täglich stellt. Jeder Top-Manager, -Fußballer, -Anwalt, -Arzt – eigentlich jeder, sollte eine solche Klassenreise mal mitmachen. Das ist echt Arbeit! Da braucht es Durchhaltevermögen, Organisations-Talent, Gelassenheit, Verständnis und ich glaube, einen großen Sack Idealismus. Ich bin schwer beeindruckt und erschrocken zu gleich. Was für eine Energie, Lautstärke und Freude von diesen Kindern ausgeht.

Immer wieder gehe ich kurz vor die Tür und atme tief durch, schwelge in der Stille der Gutsanlage und denke mir „waren Kinder schon immer so laut?“, „wieso sind Kinder so laut?“, „Ich danke den Lehrern, dass sie sich jenen Energie-Bündeln annehmen!“ und „Ich könnte das nicht“.

Danach folgt dann ein Seufzer, ein tiefer.

Ich bin voller Respekt, ich lerne schon wieder Bergeweise und bei alle dem, darf ich schon mal den Raum, die Gutsküche in der wir dann später wirbelnd-wohnen aufathmen. Das ist schön, dass in der Gutsküche dieses Energie-Gebündel wabern, lachen, schmatzen und nach mir fragen darf. Das ist überhaupt was feines, wenn Kinder mich ganz lieb um etwas bitten. Oder auch erquicklich ist es, wenn sie mir, nach dem ich ihnen noch etwas Käse bringe, „vielen Dank“ sagen.

Je länger ich in diesem Energie-Bündel stecke, desto mehr beginne ich dieses zart-werdende Monster zu lieben. Manche Teilchen kenne ich jetzt schon mit Namen, denn jeden Tag gibt es Küchen-Gruppen, die uns helfen und die wirklich mit voller Eifrigkeit helfen wollen.

Heute das Jungs-Bündelchen war vielleicht herzallerliebst. Sie durften die Küche erst fegen, Häufchen machen, aufkehren und dann wischen. Ich habe Nico, Paul, Malte, Jacob, Sven und Johann den Wischer erklärt und dann auch, wie man Profi-Überschwemmungen machen kann. Die Gutsküche hat nämlich einen Ablauf und da kann man das so-macht-man-das-so-machen. Oh wie schön ist es, wenn junge Racker sich anzünden lassen und tatkräftig mit ihren dünnen Ärmchen den Wischer schwingen. Lächelnd und mit großer Freude, mitanpacken zu dürfen. So ein Energie-Bündel hat was herrlich-schönes.

Wir dürfen bis Freitag-Früh bei dem Orkan aus Berlin bleiben. Morgen gibt es Pizza und wieder wird eine Gruppe zarter-starker Wesen tatkräftig an unserer Seite stehen. Ich wachse und freue mich darauf. Es ist, wie eine Schulung in Turbolenz-Gemeinschaft. Wie ein Crash-Kurs. Ja, es ist eine einseitige Orkan-lastige Gemeinschaft, aber wenn so eine Dorfgemeinschaft erst einmal gewachsen ist, sind 30 Kinder bestimmt auch mit von der Partie. Obgleich sie dann vielleicht ruhiger sind, weil sie ja nicht auf Klassenreise leben. Heimat macht hoffentlich etwas lauschiger-seiend.

 

4 Kommentare vorhanden

  1. Beate sagt:

    Das ist ja schön, hab ich gleich an meine Freundin, die Lehrerin, weitergeschickt.

    Weiter viel Spass!

    • agapi sagt:

      Liebe Beate,

      Jetzt hab ich Dir gar nicht geantwortet – die letzten Tage waren durchgehend hyper-aktiv – verzeih!
      Schön, dass Du auf dem Kartoffelmarkt warst und lustig, dass ich Dich erkannt habe, aber mir nicht sicher genug war, Dich mit Namen anzusprechen. Das nächste Mal trau ich mich!

      Du sagtest, dass Deine Freundin, die Lehrerin, noch gar nicht dazu gekommen ist, den Blog zu lesen. Das kann ich mir gut vorstellen und habe das größte Verständnis. Vielleicht sollte ich einen Hör-Blog machen, dann könnten Menschen wie sie und ich (ich bin nämlich auch sehr schlecht im viel Lesen) einfach unter der Dusche, beim Zähneputzen oder beim Geschirr-aus-der-Spühlmaschine-räumen den kurzen Geschichtleins lauschen.

      Beate, ich wünsch Dir einen herrlichen Tag,
      Agapi

  2. Diego sagt:

    War super! Ich werde nie vergessen. Ich schicke dir gern Fotos wenn du möchtest.

    Liebe Grüße!
    Diego

    • agapi sagt:

      Wow, lieber Diego,
      wie schön, von Dir etwas zu hören. Ich freue mich! Ja, sehr gerne hätte ich Fotos von Dir von Neverstaven.
      Ganz liebe Grüße,
      Agapi

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