Wo bitte ist Oben?

6. November 2014

Mein Leben ist gerade nicht ohne. Ich bekomme schubweise Muffensausen. Dann stockt mein Herz, mein Atem wird still und mir erscheint alles zu groß für mich kleine Agapi zu sein. Dann weiß ich auch nicht so recht was ich hier in meinen Blog schreiben soll. HILFE?

Rado und ich gründen gerade GUTDING. Das ist toll und wir sind, glaube ich auch gut dabei. Das lässt mein Herz hüpfen, gar keine Frage. Aber es ist auch verdammt hart und Kräftezehrend. An die HACCP-Richtlinien hab ich mich längst gewöhnt, ich hab sie verinnerlicht, ich bin ein Teil von HACCP, doch mal ganz ehrlich, das immer kleiner werdende Hexenhaus geht mir auf den Senkel. Es ist von GUTDING übernommen worden – ich leb hier nur noch am Rande, ich stoße mich, ich kann kaum noch einen Gedanken versunkenen Schritt tun ohne etwas mit mir mit zu reißen und zu zerstören. HILFE!

Vom Pendeln jedes Wochenende zwischen Hamburger-Groß-Küche und Gübyaner-Hexenhaus ganz zu schweigen. Zum Glück fährt Rado immer Bus-an-Anhänger, dann kann ich noch ein-ein-halb Stunden dösen. Oder Etiketten schneiden. Wieso muss ich auch so Ich-hab-einen-Durcker-ich-will-keinen-Neuen-kaufen drauf sein? Nun schneide ich mittlerweile einmal in der Woche bevor wir ins Produktions-Wochenende fahren die, auf meinem tollen alten Drucker ausgedruckten Etiketten-Bögen. Sieben bananen-förmige Etiketten finden auf einem A4-Bogen Platz. Ich bin auch schon gut schnell geworden und vielleicht ist das einer der Jobs, der mich an meinen 10km-Spatziergang erinnern lässt. Ich finde dabei zu mir, obwohl ich dicht an dicht mit den gestapelten Firmen-Utensilien sitze, aber ich kann zur Ruhe kommen, sinnen, Fünfe grade sein lassen und einfach mal nur nix denken. Ja, das Etiketten-Schneiden mag ich, aber nur mit Handschuh, sonst bekomme ich von der Schere Blasen.

Und nun ziehen Rado und ich im Laufe des Novembers auch noch nach Neverstaven. Es ging schneller als ich dachte. Eben noch haben wir mit dem Land-Besitzer-Ehepaar auf der Veranda in der Sonne Tee getrunken und uns kennengelernt, schwups dürfen wir nach und nach unser Hexenhaus-Inhalt in die noch zu renovierende Wohnung bringen. Ich feu mich wie Bolle, das wir in 24 Tagen bereits im Souterrain des Gutshauses wohnen werden und an einem neuen Ort beginnen dürfen, Gemeinschaft zu üben.

Schock schwere Not, ich muss mein Leben jonglieren, Achtung, dahin, denk an dies, dorthin, an jenes, schneller, Zähneputzen, … es darf mir nichts runter fallen!
Wieso eigentlich nicht?
Ich will nicht mehr funktionieren, ich mach das alles für mich, für meine Sehnsucht ein Dorf werden zu lassen. Ich will auch keine glatten praktischen Werbebanner mehr, die ich am Marktstand nur ausziehen muss, ich möchte es knitterig-improvisatorisch. Ja, ich möchte, dass es liebgehabt ausschaut und ich möchte es liebhaben. Mir macht es Freude, in diesem engen Mauseloch noch ein Bettlacken mit GUTDING-Logo zu bemalen. Es sieht toll aus, mein Herz hüpft immer, wenn es liebgehabt ausschaut. Okay, ich geb zu, ab und an meldet sich natürlich auch noch mein innerer Design-Schweine-Sack-Vorstand. Er steht dann mit verschränkten Armen und arroganter Anzug-Haltung da und zischt mich an „Was, wenn das Deine Design-Kollegen oder Kunden sehen, schämst Du dich nicht?! Früher hast Du sauber gearbeitet. Dafür warst Du bekannt.“

Ein zögerliches ausgedehntes „Nö“ entfleucht mir zart. Nö! (es wird kraftvoller) Nein, ich schäme mich nicht mehr. Ich schäme mich auch nicht mehr, dass ich in manchen Stress-Situationen noch nicht mal mehr 3,50 + 4,- (Nett+Schmauch) zusammen zählen kann, ich schäme mich auch nicht mehr, wenn meine Wimpern-Tusche verrutscht ist.

Hei, und das ist toll, wenn man sich nicht mehr schämen muss und alte zerknitterte Bettlacken mit dem GUTDING-Logo bemalen darf, weil man dazu einfach Lust hat. Und es ist auch total-toll jede Woche an drei Tagen einen Teil-Umzug zu wuppen, weil es an den Wochenende nicht geht – weil ja Produziert werden darf.

„Ich kann machen was ich will.“

Jou, nur ist es gerade etwas üppig was ich alles machen will. Ich werde auf mich aufpassen und das mach ich so: Ich versuche jetzt einfach dem Chaos zu erlauben da zu sein und auch der Enge, dem Pendeln und den Kartons-packen-und-schleppen sage ich willkommen. Ich glaube, wenn ich mich der Situation gegernt hingebe, dann wird der November schon fließen.

Nur wenn es etwas stiller um mich wird, dann macht euch keine Sorge, dann stecke ich glücklich in Etiketten oder Kartons.

5 Kommentare vorhanden

  1. Beate sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zum NEIN. Habe gerade diesen Beitrag gelesen, vielleicht kleine Inspiration für dich?
    http://www.uta-nimsgarn.de/no-vember-challenge/
    LG

  2. Benita sagt:

    Mal wieder spazieren gehen, Agapi!

  3. YK sagt:

    und das ATMEN nicht vergessen!

  4. Hallo Agapi, wir haben uns am Samstag in HH in der Rindermarkthalle am GutDing-Stand kennengelernt. Ich bin die Märchenerzählerin… und suche über diesen Weg direkten Kontakt zu dir, deshalb schreibe mich bitte an. Mein Mann hat im Bereich Hofgemeinschaftsgründung (Arpshof) Erfahrung als Mitbegründer usw. Ich mach’s jetzt aber kurz. Melde dich einfach und wir sehen weiter, ok.? Liebe Grüße, Birgit

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