Vater unser

23. Dezember 2014

Dieses Jahr habe ich wieder so viel lernen dürfen. Beim Rückbesinnen springen meine Gedanken über Zäune, jagen sich und spielen verstecken. Danke, liebes Jahr, Du warst üppig, vielseitig und herausfordernd-schön. So durfte ich wieder einmal mehr erkennen, wie stark ich durch die schwarz-weiße Vorstellung unserer Gesellschaft geprägt bin. Immer wieder schlichen sich Gedanken in meinen Kopf und wollten sich’s gemütlich machen. Immer wieder habe ich mich zu ihnen gesellt, mit ihnen gesprochen und sie liebevoll und ernstnehmend fortgeschickt. Du-musst, Du-sollst, das-geht-nicht und was-wenn haben mich öfter ereilt, als mir lieb war. Ich habe meiner anerzogenen Beschränktheit häufig in diesem Jahr ade gesagt, mich wieder und wieder auf Neues eingelassen und mir mittendrin, im Gang zum Unmöglichen, beistehen  lernen müssen. Ich habe mich öfters an die Hand genommen, mir liebevoll zugehört und mir gut zugeredet. Schon irre, was man sich selber alles geben kann.

Rado und ich haben uns dieses Jahr getraut, mit einer eigenen Unternehmung zu starten, die die Leidenschaften von uns beiden in sich trägt. Die GUTDING-Aufstriche haben sich gut gemacht – sie sind schon in über 40 Bio-Läden zu kaufen. Ich habe mit meiner Leidenschaft, Upcycling-Unikate und Kunst zu kreieren nach der anfänglichen Turbo-Geschwindigkeit erst einmal inne gehalten – auch das war ein Übungsfeld und eine Herausforderung als schwarzer Mustang. Im Geduldig-sein habe ich mich ausgesprochen doll geübt, dieses Jahr und es sollen wohl noch weitere Lektionen folgen. In eine uns fremde Branche zu springen war doch mutiger als ich es gedacht hatte. Der Sprung ins kalte Wasser war eisig – manchmaloft habe ich die traditionelle Schuster-bleib-bei-Deinen-Leisten-Gedanken hinausschicken müssen und mir fast in die Hose gemacht. Dann auch wieder habe ich mich wie Bolle gefreut, über all den Erfolg, den wir bisher hatten.

Ich bin tief berührt. Ihr habt mich begleitet, gefordert, unterstützt, angespornt, unter-die-Arme-gegriffen – Ihr habt mich liebgehabt! Ihr seid mir zur Seite gesprungen, habt mich auf dieses-oder-jenes-hingewiesen, habt mich in den Arm genommen, mich zum Lachen und Weinen gebracht, manch einer hat mich auch vor Fragen gestellt, die ich mit nach Hause nehmen musste – Ihr ward da, habt mir Resonanz gegeben, habt fleißig über unser GUTDING gesprochen, uns weiter empfohlen, andere eingeladen zum Probieren und habt unsere GUTDING-Aufstriche genossen und die Leidenschaft mit uns geteilt.

Ich bin ganz beseelt, glücklich und ein bisschen fühle ich mich, wie von Euch getragen. Es ist so schön, Menschen um sich zu wissen, die hinter einem stehen.
DANKESCHÖN!

Und dann sind Rado und ich vorhin, also eben, Anfang Dezember, umgezogen – nach Neverstaven, ins Souterrain vom Gutshaus Neverstaven. Das liegt ganz in der Nähe von Bad Oldesloe und ist wunderschön gelegen, verträumt und märchenhaft. Ein bisschen schaut es aus, als würde der Ort schlafen. Und ein bisschen fühle ich mich hier, als würde ich den verwunschenen Ort wecken.

Morgen schon wird es ein halbes Dorf-gemeinschafts-Wunder-Weihnachts-Fest geben. Wir werden viele hier im Gutshaus sein, ich glaube 16 – die Dorfbesitzerin, ihr Mann, ihre Kinder, ihre Eltern, ein Freund des Hauses, unser Freunde mit ihren Kindern (mein Patenkind) und eine Freundin unseres Hauses … und wir!

Ich fühle Unsicherheit und Aufgeregtheit. Meine Unsicherheit ist mit ganz viel Freude gepaart. Ob des vielen Neuen, was wieder einmal in mein Leben treten will. Ich bin berührt, ganz wackelig in der Seele – vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich gestern per Brief erfahren habe, das mein Vater gestorben ist. Ich habe schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern – wieso? –  das erzähle ich ein anders Mal – auf alle Fälle fühlte es sich schon vorher so an, als sei ich ohne Vater und Mutter auf der Welt.

Tränen kamen nicht. Ich fühlte eine Leere, wie als wenn ich in einer Kathedrale stünde – ganz allein – ich habe nur den Wunsch verspürt, für meinen Vater eine Kerze anzuzünden. Nach und nach hat mich der Inhalt des kurzen Brief jedoch eingeholt – und nach langem Sinnen habe ich auch begriffen was mir so nachhängt. Meine Mutter schrieb unter anderem „U. (die Frau meines Vaters) lehnt es ab Dich zu benachrichtigen, wegen mangelnder Kontakte.“

Es fühlt sich an, als würde ich bestraft werden, für mein unmögliches Verhalten. Man wendet sich nicht von seinen Eltern ab.

Ich habe schon oft von anderen Menschen erfahren-bekommen, dass ich etwas tue, das man nicht tut. Im Laufe der Jahre ist mein Herz nicht mehr ganz so stark am Rasen, wenn ich derart konfrontiert werde, aber es jagt mir immer noch viel Wut-Wärme in meinen Leib. Das-gehört-sich-nicht sitzt verdammt tief. Heute – und darüber bin ich so dankbar – bemerke ich schnell, dass ich nichts falsch gemacht habe, sondern mich lediglich geschützt habe vor etwas, das zu meiner Privatsphäre gehört und worüber niemand richten kann.

Heute bin ich dankbar, dass ich mich und meine Gefühle wahrnehme, mich ernst nehme und mich nicht rechtfertigen will. Ich verfluche mich nicht mehr in solchen Momenten, ich stehe da, in der Kathedrale und bin ganz still – ich lausche.

Es ist traurig, das ich vorher keinen Vater hatte und jetzt keinen mehr habe. So langsam kann ich traurig werden und ich weiß, tief in meinem Herzen, mein Vater bleibt immer mein Vater.

….

Ja, und morgen ist Weihnachten – ich habe noch nie ein solch großes gemeinschaftliches-unterschiedliche-Menschen-Weihnachts-Fest gefeiert. Da möchte ich mir erlauben, die freudig-aufgeregten Gefühle in mir zu fühlen, die gepaart sind mit Neugierde, einer Prise Spannung und weichen Seelen-Knien – doch auch ganz besinnlich-schön-und-passend sind. Ein bisschen fühle ich mich wie zu Kinder-Zeiten, als ich noch ans Christkind glaubte. Ganz naiv (im positiven Sinne), unbeschwert und zutraulich gehe ich auf die werdende jungfräuliche Gemeinschaft zu, die ungewöhnlich entsteht, so ganz ohne Plan. Unmöglich?! Vielleicht wird sie gerade dadurch eine ganz gesunde Gemeinschaft. Vielleicht gehe ich gerade den Anfang ins Dorf, das wächst und das werden will. Wir werden es sehen.

Frohe, besinnliche und leckere Weihnachtstage wünsch ich Euch!
Agapi

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