wachsen schmerzt

28. Mai 2015

Mir fehlt gerade einfach die Zeit und die Kraft, um leichtfüßig-tiefsinnig geschwätzig zu sein. Ich würd so gerne, aber ich klemme fest und die Muse, die ich dafür bräuchte, hat sich schon seit längerem nicht mehr gemeldet.

Mir fehlt die räumliche Ordnung, das Gesetzte, das in Stein Gemeißelte … ich vermisse gerade die heilende Konstante in meinem Leben …
… Tradition könnte jetzt bestimmt eine wohlige Wärme in mein Leben zaubern.

Ich lebe gerade im Gegenteil. Bei mir ist nichts sicher, mich umgibt ein Ausnahmezustand, alles wähnt sich im Nebel. Ich selbst fühle mich an, wie das morgendliche Nass im Gras, dass auf die Sonne wartet. Ich sehne mich nach Leichtigkeit und bin traurig. Ich stecke irgendwie fest.

So fühlt sich wohl Verzweiflung an …

… okay, ich bin verzweifelt – das ist doch schon mal ein Anfang!

Aber wieso fühle ich mich so verzweifelt? Versuche ich es mal mit Ein-paar-Schritte-zurück-treten. Das hat mir schon oft geholfen, wieder klar zu sehen.

Ich war nicht wirklich glücklich, als ich mit 38 eines Tages aufwachte und realisierte, dass ich jetzt wohl auch noch ein weiteres Jahrzehnt und noch eins, das machen würde-werden, wenn ICH nichts verändere. Mir wurde bewusst, das ich mich im Trott befand, mein Leben einfach so weg-zu-leben. Es folgte eine schwere Zeit des Erwachens und des Abschiednehmens. Es schmerzte so sehr, einsehen zu müssen, dass ich vieles nur gemacht hatte, um von meinen Eltern gesehen, respektiert und gewürdigt zu werden. Höhen und Tiefen haben mich seit her im regen Wechsel besucht und fortgeschickt. Wachsen schmerzt.

Zum Glück war und bin ich nicht alleine auf diesem Weg. Rado und ich haben uns beinahe zeitgleich in Richtung des Unmöglichen aufgemacht und darüber bin ich sehr dankbar.

In mir schrie es, DU HAST GESTALTUNGSKRAFT, NUTZ SIE! MACH DICH AUF, DEINEN HERZENSWUNSCH ZU SUCHEN UND ZU FOLGEN! … Mit dem Gebrüll in mir musste ich erst einmal lernen es zu verstehen.

Ich schloss meinem Baby, meiner Design-Agentur die Augen … es tat weh, das Notwendige zu tun … und die Abnabelungszeit brauchte Zeit, schmerzte, zerzauste mich und die Selbst-Zweifel kamen jede Nacht an mein Bett. Dank Rados Wunsch, wurde ich in einen Ausnahmezustand mitgenommen. Die drei Monate in der Natur Neuseelands waren für mich wie ein Aufenthalt in einer Rehaklinik. Ohne Diagnose. Mir wurde von niemandem gesagt, was mir fehlte. Ich sollte es wohl erfühlen.

In Neuseeland verlor ich mich … ich wusste gar nicht mehr, wer ich war und was das besondere an mir sein könnte. In der Stille hatte ich zwar genügend Zeit, mir auf den Zahn zu fühlen, aber was ich da sah, erschrak mich eher und der Wunsch, vor mir wegzulaufen war groß. Mir wurde aber auch klar, das ich gar keine Idee mehr hatte, wohin ich laufen konnte, um meinem Schmerz noch zu entfliehen.

Drei Monate Neuseeland – was sich super-beneidenswert-schön anhört, tat unglaublich weh. Es gab mir den Einblick in mein Herz und half mir, meiner Sehnsucht etwas näher zu kommen.

Zurück im traumhaften, Licht durchfluteten Loft in der Fettstraße, eine der Szene-Straßen Hamburgs, fühlte ich, dass ich dort nicht mehr hingehörten. Auch wurde in mir immer mehr die Sehnsucht laut, etwas Grundlegendes in meinem Leben zu verändern. Es klingt vielleicht etwas vermessen, aber ich merkte, das ich bereit war. Ich wollte ein Dorf gründen! Eine unglaubliche Kraft zog mich hinaus aufs Land und so zogen Rado und ich tatsächlich im Winter 2013 in die Ländlichkeit, um nicht nur von einer Dorfgründung zu sprechen.

Vor eineinhalb Jahren hab ich mich aufgemacht, um „ein Dorf“ zu gründen. Jetzt lebe ich in Neverstaven. Es ist die zweite Chance, der ich versuche, offen die Hand zu reichen. Doch ich merke, das ich schwächle.

Es fällt mir jeden Tag und jeden Monat schwerer, mich in Geduld zu üben. Was, wenn ich irgendwann von Jahren sprechen kann? Was, wenn ich als alte Frau zurückblicke und sage „Ich habe etwas verändern wollen und auch wirklich keine Mühen gescheut und mich bemüht, aber schlussendlich ist es mir nicht vergönnt gewesen, etwas Grundlegendes in mir und meinem Leben zu verändern!“ Was, wenn ich dann erkenne „Ich habe doch wieder das Selbe in grün gelebt!“

Meine Weisheit von vor ein paar Monaten „ich nehme mich für den Moment zurück und gebe mich Rados Leidenschaft ganz hin!“ jage ich gerade zum Teufel.

Versuche ich es noch einmal mit Ein-paar-Schritte-zurück-gehen. Rado und ich haben in Neuseeland und in der Zeit im Hexenhäuschen auf dem Land (die erste Etappe befand sich in Güby) unsere Leidenschaften entdeckt und sind ihnen nachgegangen. Wir fanden heraus, das wir zwar unterschiedliche Leidenschaften haben, aber das wir die Lust verspürten sie zu vereinen. So gründeten wir im Sommer letzten Jahres die Manufaktur GUTDING echt ehrlich elementar. Unserer Liebe zum Unmöglichen wollten wir Raum geben. Wir vereinten das kreieren von Lebensmitteln mit dem erschaffen von Upcycling-Unikaten und Kunst. Eine schräge Mischung, fanden wir auch, doch wollten wir uns von nun an treu sein. Wir tüftelten zusammen am GUTDING-Konzept, sprachen viel über die Gefahren, die das ganze für uns als Paar mit sich bringen könnten und gaben uns das gegenseitige Versprechen, auf uns zu achten.

Seither geben Rado und ich alles, um unsere kleine Manufaktur auf den Weg zu bringen.

Es ist ausgesprochen ansträngend und berührend schön zu gleich. „Ihr seit ja schon weit gekommen!“ sagen mir die Menschen, die aus der Lebensmittelbranche kommen und auch der Zuspruch des vergangenen Wochenende war wieder unglaublich. Da habe ich zusammen mit ganz lieben Freundes-Helferinnen wieder drei Tage auf einer Messe unsere aufgeweckten Aufstriche präsentiert und probieren lassen … Danke, ihr Lieben!

… und doch bin ich traurig.

Es schaudert mich. Ich erkenne, dass ich mich selber traurig mache. Ich habe mich die ganze Zeit selber betupft, verarscht, hintergangen, für dumm verkauft. Mir wird gerade bewusst, das ich mich mit meinen Fähigkeiten Rado zur Verfügung gestellt habe, ohne überhaut gefragt worden zu sein. Ich habe ihm meine Hilfe förmlich aufgedrängt und er hat sie natürlich dankend angenommen. Doch dahinter schlummert, dass ich es mir mehr zugetraut habe, die Werbung für seine Lebensmittel zu machen, als ihm. Ich habe mir die Werbe-Abteilung gegriffen und die Verantwortung dafür übernommen, obwohl ich die Art von Tun verlassen wollte und obwohl ich mich ganz anderen Dingen widmen wollte.

Okay, es ist das, was ich super gut kann, aber habe ich meiner Kommunikations-Agentur den Strom abgestellt, um für Rado die Privat-Agentur zu sein? Wieso habe ich das getan? Ich habe mich mit meiner Stärke komplett in seine Leidenschaft geschmissen, um meine Sehnsüchten dabei ganz und gar aus den Augen zu  verlieren … War das wieder ein Fluchtversuch? Aber vor was fliehe ich?

Und, wieso hat Rado das nicht gesehen?

Auch das Erwachen schmerzt, dass ich gerne von Rado aufgehalten worden wäre. Ich merke, dass ich den Buhmann an Rado abgeben möchte. Aber wie soll er etwas bemerken, was selbst mir noch nicht einmal klar ist?

Dieser fiese Zug an mir erschrickt mich. Auch er macht mich traurig.

Es macht mich zutiefst traurig zu erkennen, dass ich mich wohl verlieren wollte.

Aber es macht mich auch ein bisschen glücklich, dass mir das Erkenntnis-Bauchweh hilft, wieder aufzuwachen und ich mich zu besinnen beginnen kann. Sobald unsere Wohnung fertig ist und ich es mir dort schön heimelig, wohlig und warm machen kann, versuche ich mich auf mich zu besinnen und mir den nötigen Respekt und die Anerkennung zu schenken, die ich brauche, um glücklich zu sein. Und vorher, also jetzt, möchte ich beginnen wieder an mich zu glauben. Denn was mir noch aufgefallen ist, ist, dass ich mich auch vor meiner eigenen Courage gedrückt habe. Ich selbst war es, die mich klein gemacht hat. Ich habe an Rados Lebensmittel-Leidenschaft mehr geglaubt, als an meine Sehnsucht ein Buch zu schreiben und mit Upcycling-Unikaten, restaurierten Möbel sowie Holz-Kunst unsere gemeinsame Existenz sichern zu können. Ich habe an mich gezweifelt und darum die Augen geschlossen. Damit höre ich jetzt auf!

Denn, ich glaube an mich! Ich vertraue mir und glaube an mich und meine Visionen!

10 Kommentare vorhanden

  1. Torsten sagt:

    Wir müssen mal essen gehen. Danke fürs teilen Deiner Gedanken.

  2. Susanne sagt:

    Danke … Glaube Liebe Hoffnung … melde Dich wenn „fühlen“ hilfreich ist …
    Susanne
    Du erinnerst Dich Maitri – Körperarbeit Massage …

  3. YK sagt:

    Liebe Agapi,
    ich drück Dich ganz doll! Alles wird gut! Alles IST gut! Du bist auf dem Weg – und es ist Deiner. Die Wirtshäuser am Wegesrand, die uns immer wieder einladen einzukehren, gehören dazu. Aber du bist inzwischen in der Lage, das laute Getümmel zu verlassen, vor die Türe zu treten und zu lauschen… auch wenn wir gerne mal zu lange sitzen bleiebn, was bekanntlich „einen Kater“ verursacht. ;-)
    Alles Liebe, YK

    • agapi sagt:

      Das ist ein schönes Bild, YK – danke dafür und für das drücken und für das zuhören und für …
      ich bin sehr dankbar, freu das-Du-in-meine-Nähe-gezogen bist. Agapi

  4. Hans-Dieter sagt:

    Wowwowwow … was für eine Entwicklung … die Lebensachterbahn raufrunterraufrunterrauf … „Es gibt nicht zu tun“ (sinngemäßes Zitat von Osho) … im Fluss des Lebens erkennen – im Hier und Jetzt (sich) bewusst sein …

    Von Herzen danke, danke, danke für’s Teilen … und gerne gegenseitig mehr davon :-)

    Hans-Dieter

    • agapi sagt:

      Danke, lieber Hans-Dieter! Es tut so gut zu teilen und gehört zu werden … wenn „es gibt nichts zu tun“ und „im Fluss des Lebens erkennen“ und „im Hier und Jetzt (sich) bewusst sein“ der Weg ist, dann … bin ich ja volle Lotte drinn! … darüber muss ich jetzt erst einmal wieder drüber sinnen. Danke für die Sinnen-Aufgabe:-) Von Herzen gerne gegenseitiges mehr davon, Agapi

  5. Liebe Agagi
    Wir kennen uns von Sylvester ;))Ich habe mich oft gefragt wo du abgeblieben bist. Es freut mich das es dir gut geht.
    Vielleicht solltest du mit einem lieben Mann an deiner Seite mal darüber nachdenken dich zu vermehren ;)))wir haben 4 davon….es ist eine tolles so kleine und heranwachsende Kinder durchs Leben zu begleiten ;)
    Das Leben ändert sich ganz plötzlich….und macht dich glücklich und gibt dir einen neuen anderen sehr schönes speziellen Sinn.
    Einfach machen ;))
    Liebe herzliche Grüße aus Lüneburg
    Ingrid Keller

    • agapi sagt:

      Liebe Ingrid, … Stellshagen! Ich erinnere mich dunkel:-) Ja, einen Mann hab ich gefunden und wir haben so was ähnliches wie Kinder. Wir haben eine Manufaktur gegründet. Das ist unser gemeinsames Baby, welches wir mit viel Liebe und Geduld im Arm halten und uns daran erfreuen. Aber „Nachts“ schreit es auch manchmal und dann sind wir sehr müde. Aber Kinder haben noch etwas ganz besonderes – ich weiß was Du meinst. Noch ist es uns nicht vergönnt – aber offen sind Rado und ich. Schaun wir mal.

      Ich grüße Dich ganz lieb aus Neverstaven,
      Agapi

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