Dr. Doof

22. November 2015

Jetzt ist es ein Jahr her, dass ich mit Rado nach Neverstaven gezogen bin. Warnsinn, ein Jahr ist es her … und die Wohnung ist noch immer nicht fertig! Aber es ist ein Ende beziehungsweise ein Anfang-des-Wohnens in Sicht. Die kommende Woche, also morgen, übermorgen und überübermorgen soll es soweit sein, das wir hinüber ziehen dürfen aus dem kruscheligen, über und über mit Dingen aufgefüllten und Baustaub-besetzten Westflügel in den frisch sanierten, sauberen Ostflügel … welch ein Wunder … mir fehlen die Worte.

Das meine ich ernst. Mir fehlten seit längerem die Worte und deshalb ist es auch so still gewesen in meinem Blog dieses Jahr.

Wieso sollte ich auch immer wieder über etwas Doofes berichten? Das Warten auf eine Intimsphäre ist wirklich etwas ausgesprochen Doofes. Mir fiel es auch so schwer darüber zu schreiben, ohne mit dem Finger auf Anderen zu zeigen, die dafür verantwortlich sind, das es Doof ist? Ich wollte nicht über meine Gefühle in einem solchen Doof schreiben und dabei ins Selbstmitleid verfallen. Das wollte ich Euch ersparen. Aber als ich im Doof feststeckte, da war da so viel Doof … DOOF, DOOF UND NOCHMAL DOOF!

Ich brauchte diese schweigsame Zeit … diese Zeit, in der ich, wie ein eingesperrter Tiger, immer wieder am Zaun die Doofen-Selbstbemitleidungs-Gedanke hin und her laufend wegdenken konnte … und die Gedanken, die ich in die tiefe Rille am Zaun gelaufen habe, waren unhübsch-doof.

Mir ist aufgefallen, dass ich viel besser über etwas Doofes sprechen kann, wenn ich nicht mehr im Doofen feststecke. Jetzt kann ich beginnen über das Doof zu reflektieren, es hat mich nicht mehr so fest im Griff, es löst sich von mir, die Fesseln … sie lösen sich! Es brodelt Freude. Frei-vom-Doofen-Freude. In greifbarer Nähe befindet sich meine Intimsphäre. Dann habe ich nach einem Jahr wieder einen Raum für mich.

Es ist greifbar, sichtbar, duftend neu fühlbar. Meine Freude lässt mein Herz hüpfen, das es mich an Kindheits-Freude erinnert. An meine neuen Gummistiefel, die ich unbedingt im Haus anziehen musste und sie auch zum schlafen gehen nicht mehr ausgezogen habe. Reine Freude! Eine Freude, die verzeihen lässt. Eine Freude, die lieben lässt. Mit einem Mal sind alle meine Leiden, alle Ungerechtigkeiten fortgeflogen und der Freude-Fokus lässt mich vom Groll loslassen. Ich bin in der Lage in Lichtgeschwindigkeit Gras drüber wachsen zu lassen. Für das Blitzschnelle-Doofe-vergessen-können, bin ich mir ganz schön dankbar.

Die Zeit des Doofen war ein hartes Lehrjahr, ich habe sehr viel über mich und mich-in-Bezug-zu-Andere gelernt. Es ist, als hätte ich eine Prüfung absolviert. Ich bin jetzt Dr. Doof.

Es ist, als wenn ich ein Jahr im Kloster meditiert und jeden Tag aufs neue immer nur den Steinboden gefegt hätte. Dort schickt man doch auch immer die Gedanken fort oder lässt sie kommen und jedes mal weiter ziehen, bis sie gar nicht mehr kommen. Ich habe sie auch kommen lassen, die doofen Gedanken, hab sie mir angeschaut, sie in den Arm genommen – manchmal auch mit ihnen gekuschelt – und verabschiedet. Und das immer wieder und wieder.

Wie das war?

Anstrengend.

Wilde Schlachten habe ich mir geliefert mit dem Vorurteil-Monster, dem Verurteil-Dämonen und dem Vollstreckungs-Zombi. Nicht immer habe ich gewonnen. Manchmaloft lag ich unten und es sah aus, als ob ich stürbe. Es fehlte oft nur ein Hauch und ich wäre dem Doofen erlegen. Beinahe wäre ich zu schwach gewesen und hätte mich darin für immer suhlen können. Dann wäre ich abgerutscht ins Ich-armes-Haschal-denken und hätte fest daran geglaubt, dass ich nichts machen konnte und den Verantwortlichen ausgeliefert war.

War ich auch!

Derjenige der im Kloster jeden Tag aufs neue den sauberen Steinboden wienert ist auch der Doofe. Freiwillig. Er ist den Klostergöttern ausgeliefert. So wie ich! Ich bin auch freiwillig nach Neverstaven gezogen, wohlwissend, das ich in eine Baustelle ziehe. Wohlwissend, das es sich um drei, vier Ausnahme-Monate handelt, im Bau wohnend. Aber das es ein Jahr brauchen würde, wusste ich nicht. Dann hätte ich es nicht gemacht. Der Kloster-Demuteur verlängert seine Lektion vielleicht freiwillig, weil er, ansatz-reif wie er schon ist, merkt, dass vielleicht nur noch ein Hauch fehlt, um zu erleuchten. Bei mir musste das Schicksal nachhelfen, es geschickt einfädeln, damit ich auch ja nichts merke. Ich wäre nämlich wutschnaubend aus dem Kloster abgereist.

So habe ich unbemerkt meine Mittlere Reife in Spiritualität gemacht. Dafür musste ich nur durch die Hölle gehen. Durch die Baustaub-alles-zu-eng-werden-Hölle, duch die Sexistische-Kommentare-vom-Bauarbeiter-Hölle und durch die Gemächliche-Entscheidungsfindung-Verzögerungs-Hölle der Bauherrinnen.

Nächste Woche werde ich alles Private (Sofa, Bett, Wäsche, Bücher …) freudig rüber räumen in die frische Wohnung, sie anschließend mit Tüchern abtapen, um eine Schutz-Schläuse zu schaffen. Denn dann kommt noch der Teil dran, in dem wir die ganze Zeit gehaust haben. Die alte Gutsküche, das GUTDING-Büro, die GUTDING-Upcycling-Werkstatt und das Neverstaven-Gästezimmer. Zum Glück müssen hier nur die feuchten Wände aufgeschlagen, mit Sanierputz versehen und gestrichen werden. Die Küche mit Möbeln einrichten, machen wir nach und nach.

Bei der GUTDING-Küche, der schönen alten Gutsküche sind Rado und ich auch durch die Behörden-Hölle gegangen. Es ist unglaublich, was es alles für Auflagen gibt, die zu erfüllen sind, wenn etwas amtlich wird. Und da wir die GUTDING-Manufaktur ja ordentlich als Gewerbe angemeldet haben, sind wir traurig über die Erkenntnis, das ein wieder beseelen der alten Gutsküche in Deutschland nicht möglich ist, ohne sie zu verschandeln und sich parallel beim Denkmalschutz strafbar zu machen.

Zu guter letzt haben wir auch noch realisiert, das die Geräte, die wir brauchen, gar nicht durch die damals so schlank gebauten Türen passen. Und auch nicht durch die Fenster.

Aber auch die Hölle ist durchschritten.
Wir, Rado und Agapi, haben uns entschieden, in Neverstaven eine neue GUTDING-Manufaktur-Küche zu bauen!

Hugh, ich habe wieder gesprochen.

Demnächst mehr.
Versprochen!

P.S. Das Foto ist von mir und zeigt die Installation von Wadim Sacharow. Danaё, Russischer Pavillon, Venedig, 2013

2 Kommentare vorhanden

  1. liebe design sagt:

    Meine Liebe,

    wie gern würde ich Dich mal wieder sehen!

    Du hast schon eine Menge in Bewegung gesetzt.
    Viel, sehr viel.

    Ich meine schon, dass man in solchen Berg- und Talfahrten diese sehr wohl doof finden darf, sogar sehr doof. Sich auch zurecht fragen, warum man das alles macht.
    Und schlußendlich damit das große Glück gezogen zu haben.

    Ich wünsche Dir, Euch beiden, einen wohlverdienten Einzug und das Du aus Deinen neuen Räumen heraus, die Kraft schöpfen kannst neuen Doofheiten gelassen entgegen zu treten! – Die stehen schon um die Ecke und lachen sich ins Fäustchen, welch´ herrlichen Streich Sie Dir demnächst spielen dürfen… Spiel mit ihnen. ;-)

    Wie sagst Du immer – diese herzliche Verabschiedung habe ich sehr gerne von Dir übernommen:

    Feste Umärmelung,
    Sara

    • agapi sagt:

      Liebe Sara,

      ja, ich würde Dich auch zu gerne einmal wieder sehen!
      Du bist mir, mit Deinen lieben Worten sehr nahe. Danke Dir! Und Du hast recht, manchmal darf man auch etwas richtig doof finden, um es dann auch mit Abstand wieder ganz schön dolle lieb zu haben. Einen Menschen, den man liebt hat man ja auch nicht in jeder Minute gleich doll lieb. Da will ich auch fair zu mir und meinen Gefühlen sein.
      Und die Idee, mit den Doofheiten, die schon um die Ecke warten zu spielen ist fein. Das werde ich mal versuchen:-) Danke für dies schöne Bild.

      Ich grüße Dich ganz lieb und herzlich und vielleicht ja bis bald,
      Agapi

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