Danke 2015

30. Januar 2016

Es geschah einen Tag vor Heilig Abend. Rado und ich waren seit Wochen am wirbeln, damit unsere Wohnung auch wirklich bis zum heiligen Abend fertig werden würde. Da passierte es. Ich wollte dieses, mir doch so sehr am Herzen liegende Fest in unseren neuen wohligen Räumen feiern, sie mit meiner Herzens-Energie füllen und sie positiv aufladen, für all das was 2016 kommen will. Es war mir so wichtig, das ich alles in Bewegung setzte. MICH, von früh bis spät!

Ich scheuchte die Bauarbeiter, ich plante strategisch, immer das Ziel im Auge, und nach einem Jahr Baustelle scheute ich mich auch nicht, egoistisch oder feiner gesagt, an-mich-denkend zu sein.

Drei Tage vor Heilig Abend kam die ganze Gutsbesitzer Familie nach Neverstaven und war sichtlich berührt und überrascht, was wir bisher alles geschafft hatten. Im gleichen Atemzug aber fühlte ich auch ihr Entsetzen, über das, was wir alles noch schaffen wollten, bis zum Heilig Abend, um Gäste bei uns unten zu empfangen. Mitfühlend riefen sie uns nun all die Abende zu sich hinauf, um uns bei sich mitessen zu lassen. „Jetzt können wir euch endlich auch mal etwas zurückgeben!“ sagte Leonie freudestrahlend und ich konnte das Geschenk annehmen – schon diese Begebenheit rührte mich.

Wir hatten in diesen Tagen weder Herd, Ofen noch Spüle – unsere Wohnküche, die wir jetzt in der Gutsküche eingerichtet haben, war der letzte Raum, der saniert werden musste und der brisanteste. Denn ohne Küche kann man ja nur schwer Gäste zum Festessen empfangen.

Der Druck, den ich mir, Rado und den Bauarbeitern gemacht hatten, wuchs stetig an. Und am letzten Abend vor dem Heiligen fragte mich Leonie vor der ganzen Gutsfamilien-Runde, ob ich denn mein Ziel für 2015 erreicht hätte.

Puh, … ich überlegte, wie ich das beantworten könnte … und antwortete ehrlich …, dass ich noch auf dem Weg zu meinem Ziel sei, dass ich sehr viel gelernt hätte über mich und andere, und das ich dieses Jahr für mich als Demut-Schuljahr betrachte. Das Jahr, in einer Baustelle lebend, war ausgesprochen mich-provozierend. Das schwerste war für mich, die Herausforderungen hinzunehmen ohne Schaden anzurichten. Ich traute mich zu sagen, dass ich an manchen Tagen arg wütend auf sie und ihre Familie war. Ich beschrieb meine verzwickte Lage, selbst nichts machen zu können, sondern abwarten zu müssen. Abwarten lernen zu müssen, bis sie als Bauherrin sich entschieden, damit sich meine Lebensqualität zum besseren wendet. Ich erzählte von meinen Dämonen, mit denen ich, wie mit meinen wertenden und verurteilenden Gedanken ihnen gegenüber, gerungen habe. Ich sagte mutig, dass ich dieses Jahr voller Demut in einer Baustelle lebend und abhängig von ihnen gewesen zu sein, nur dadurch durchleben konnte, weil ich immer wieder das größere Ganze im Fokus hatte. Nämlich meinen Wunsch, eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten ins Leben zu rufen. Nur das hat mich getragen und mich genährt, nur durch den Glauben an das Größere habe ich mich immer wieder reflektiert und mein zickiges Ego bezwungen. Ja, es fühlt sich für mich so an, als habe ich die feine Form von Demut kennenlernen dürfen, als hätte ich sie durch diesen Schmerz durchleben und in mir erfahren dürfen. jou, 2015 war für mich eindeutig ein Jahr der Demut!

Alle waren ganz still am Tisch vom lauschten meinen Worten. Dann durchzuckten mich die Worte der Großmutter „Was hat das mit Demut zu tun? Das ist doch keine Demut!“ Mir schnürte es das Herz. Wut kam in mir auf. Ich spürte, das ich jetzt die Wahl hatte, zu schweigen und mit meiner Wut alleine zu sein oder zu widersprechen und mich zu riskieren. Ich fühlte in mir eine Kraft aufsteigen „Für mich ist es ein Jahr der Demut gewesen und ich bin dankbar, dass ich so viel hab lernen dürften!“ „Schmarrn, das hat nichts mit Demut zu tun. Demut bedeutet ….“

So ging es eine Weile hin und her, dann kam mir eine Idee. Ich regte an, das alle am Tisch sitzenden doch einmal sagen, was für sie Demut bedeutet. Eine rege feine Unterhaltung begann. Doch mitten in dieser achtsamen Unterhaltung stand der Großvater vom Tisch auf und ging in langsamen Schritten von dannen. Für einen Moment dachte ich „schade, es interessiert ihn nicht“ und ich fühlte Enttäuschung, hatte ich doch sehr auf seine Unterstützung gebaut. Nun denn, so konzentrierte ich mich auf meine Kraft.

Nach einer gefühlten Stunde kam er behutsam mit einem dicken Schinken unterm Arm zurück. In der Zwischenzeit hatten alle ihr Verständnis von Demut erklärt. Er setzte sich friedlich, legte den Oschi auf den Tisch und schlug es mit den Worten „Wollen wir doch mal sehen, was das Brockhaus Konversations-Lexikon von 1895 zur Demut sagt!“ auf und so las er neutral vor, was darin stand.

Ich freute mich, wie ein Kind, was vom Engel gesagt bekommt, das die anderen ihn, den Engel nicht sehen könnten, weil sie das Kind in sich verloren haben.

Jede Demut, die am Tisch saß, war darin enthalten. Auch meine! Es gab tatsächlich meine Form von Demut! Es fühlte sich an, als würde mein Gesagtes durch das Lexikon den Respekt-Ritterschlag bekommen. Das Lexikon wurde zu meinem großen Bruder. Ich war nicht mehr allein. Ich fühlte Freude. Mein Wort wurde durch die Mühen zu einem durchlebten Gehörtsein. Das beseelte mich bis in meine Zehenspitzen. Alle am Tisch hatten mich mit einem mal verstanden und sich Stunden dafür, mit einander zusammengesetzt. Nun war eine Stimmung am Tisch, die voller …, ja, voller Demut war.

Ich bin noch immer ganz erfüllt. Danke, Leonie für die Frage nach meinem 2015 – das war der Samen des Abends. Danke, Gabriele für Dein herausforderndes „Schmarrn!“ ohne das dieser tiefsinnige Abend nicht entstanden wäre. Ich danke mir, dass ich den Arsch in der Hose hatte, mich dem „Schmarrn!“ gegenüber zu behaupten, ohne wirklich gewusst zu haben, ob meine Demut überhaupt existent ist. Und,
Danke, Dietrich für Deinen beschützenden Einsatz das Wort zu holen und es vorzutragen, ohne Dich hätte die Unterhaltung vielleicht nicht  diese feine Wendung bekommen. Ich danke Euch allen, die ihr am Tisch gesessen habt. DANKE 2015!

 

… unsere Räume im Souterrain haben wir bis Heilig Abend fertig bekommen! Wir hatten ein wunderschönes Lichtfest in Leichtigkeit und Freude und auch Sylvester war ein herzergreifendes Fest. Mir glückte es sogar, was ich mir immer gewünscht hatte. Es entstand ein Abend voller Besinnlichkeit und ich begann mit einem Agapi-Jahresrückblick. Wir gaben der Dankbarkeit für die Erkenntnis-Geschenke in 2015  viel Raum und konnten das neue Jahr mit Lachen begrüßen. Ich habe sogar meine erste Rakete mit Wünschen für 2016 in den Himmel geschossen. Danke, Paula!

2 Kommentare vorhanden

  1. Beate sagt:

    Danke, liebe Agapi, für Deine Offenheit, Deinen Mut und Deine Inspiration.

    Ein sehr erhellender Beitrag.

    • agapi sagt:

      … und ich danke Dir, Beate!
      Mich beseelt es, wenn mein Wort gelesen wird und berührt. Dann fühle ich mich erst wie ein Resonanzkörper …
      … Feedback erfüllt mich mit Glücklichkeit.

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