ah, deshalb!

19. März 2016

Seit gestern ist in mir eine Traurigkeit, die wohl von mir angeschaut werden will. Sie steht da, ganz ruhig, schaut mich an und wartet. Es ist, als sei es Ich-in-klein die mich da betrachtet. Ich habe Zöpfe, lächle, obwohl ich traurig bin. Es ist mir unangenehm. Ich fühle zwei Stimmen in mir. Eine will schreien, „Starre mich nicht so an, verschwinde!“ die andere sagt liebevoll „Sprich bitte mit mir!“. Seit gestern stehen wir zwei da. Traurig. Gelähmt von dem, was wir nicht greifen können. Wir bewegen uns ungewohnt ruhig, fast schon wie in Zeitlupe.

Gestern hatte ich Besuch von einem alten Geschäftskollegen. Ich hatte ihn und seine Frau neulich bei einer Verkostung wiedergetroffen. Die Freude war groß. Ich mochte ihn sehr gerne und hatte just vor ein paar Wochen an ihn gedacht und wollte mich ohnehin bei ihm melden.

Ich machte mich nicht extra Besuchsfein, ich öffnete in meinem Schlumpflook die Tür und empfing meinen Besuch, den ich sechs Jahre nicht gesehen hatte, ganz entspannt in Jogginghose. Mir fiel auf, wie fest ich schon in meinem neuen Sattel saß. Mir war es entspannt möglich, Menschen aus meiner alten Business-Welt an mich ran zu lassen, in meiner neuen Welt ohne Styling.

Wir saßen in der Gutsküche, tranken Tee und der Ofen knisterte – ja, der Ofen in der Gutsküche ist fertig!
Schnell hatten wir uns auf den aktuellen Stand gebracht.

Dann hörte ich in einem Nebensatz, das die Beiden in jungen Jahren zu ihrem leiblichen Kind noch ein Kind adoptiert hatten, so wie meine Eltern. Es war auch bei ihnen erst 6 Monate alt, als es zu ihnen kam und es hatte auch schreckliches erlitten, so wie meine Schwester. Und, ich erfuhr, das ihre leibliche Tochter genauso alt gewesen war, wie ich, als sie sich dafür entschieden.

Mein Interesse stieg.

Ich fühle mich seit ich mit 11 eine Schwester bekam, allein mit diesem Thema. Meinen Eltern war es nicht möglich, mit mir darüber so zu sprechen, wie ich es gebraucht hätte und später trugen wir alle so viel Schmerz und Scham zu diesem Thema in uns, das es nicht mehr angesprochen wurde. Und wehe ich tat es, dann schmerze der Versuch-es-zu-wagen genau so sehr, wie damals die Überforderung mit dem Leid. Mit einem mal spürte ich, dass sich die Abwehr über-etwas-nicht-sprechen-zu-wollen in mir genauso schmerzhaft anfühlt, wie das Schmerzhaft-Erlebte!

Im Gespräch mit meinem Besuch fühlte ich eine Glücks-Chance. Ich saß Menschen gegenüber, die mir trotz meines Wandels vertraut geblieben waren. Vorsichtig traute ich mich zu fragen. Achtsam hörte ich zu.

Sie erzählten, was aus ihrem Adoptiv-Kind geworden ist. Es klang so gelungen, so glücklich, so friedlich. In mir freute sich etwas und gleichzeitig fühlte ich Schmerz. „Wieso hatte meine Schwester nicht das Glück, in unserer Familie die Heilung und den Frieden zu erlangen?“ Mir fiel es schwer bei der Geschichte meines Gegenüber zu bleiben. Immer wieder verglich ich die Schicksale der beiden Kinder, die in ihren ersten Lebensmonaten so grausames erleben mussten. Ich hörte die Traurigkeit und den Schmerz der Eltern, die alles gegeben hatte, um dem Kind zu helfen. Ich hörte Überforderung, Hilflosigkeit, Angst. Aber was ich am lautesten hörte war die Trauer darüber, dass das, was sie gegeben hatten nicht ausreichte, damit das ihnen anvertraute Kind zu einem stabilen und gesunden Wesen heranwachsen konnte. Der Schmerz, den ich fühlen konnte, machte mich sehr traurig.

Es war genau mein Schmerz.

Solange wir beisammen saßen und Tee tranken, konnte ich mich halten.
Ich fragte nach ihrer leiblichen Tochter.
Sie war genau so alt wie ich, als sie mit den Grausamkeiten in unserer Welt konfrontiert wurde. Wie ist sie damit umgegangen und was ist aus ihr geworden? Meine Familie hat die Überforderung gerissen, wie ein hungriger Wolf ein Lamm. In meiner Familie hat dieser Welten-Schmerz jeden von uns auf unterschiedliche Art und Weise fertig gemacht und ich denke, weil wir nicht darüber reden und uns austauschen konnten, hat es uns zerrissen. In alle Himmelsrichtungen gesprengt. Jeder von uns war alleine mit dem Leid und geht seitdem auf unterschiedlichste Art damit um. Dem einen glückt es mehr recht als Schlecht, der andere stirbt einen langsamen Tod.

Ihre Tochter ist in die sozial-therapeutische Richtung gegangen und hat alle Formen von Traumata studierte. Nun hilft sie, es zu verstehen.

Für den Moment war ich mit meinem Fühlen komplett überfordert. Da war so viel. In mir war Gefühls-Jahrmarkt. Aus jedem Büdchen schrieen mich die Gefühle an. Wut, Neid, Trauer, Scham, Überforderung, Angst und dann fühlte ich Bewunderung und Freude für meine Leidensgenossin. Sie hatte das Erlebte in ihr Leben eingebaut, es sich zu nutze gemacht. Sie war daraus als eine starke Persönlichkeit hervorgegangen. Sie hat es nicht kaputtgemacht, diese Familie ist daran nicht zerbrochen sondern zusammengewachsen, sie haben wohl darüber reden können. Sie hatten alle noch Kontakt zueinander. Okay, es war nicht alles rosig bei ihnen und das anvertraute Kind hatte es auch mit über 30 nicht leicht, aber es war nicht gestrandet.

Gerade als ich damit begann mich klein zu machen, mich zu bedauern und in Selbstmitleid zu verfallen, wurde ich unterbrochen. „Jetzt verstehe ich, weshalb Du damals so engagiert an unserer Seite warst, als wir das Therapeutikum gründeten. Deshalb bist du auch so ein starkes Wesen geworden. Und jetzt verstehe ich auch, wieso Du Dich erneut mit so viel Energie aufmachst, um eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu gründen.“

Jetzt konnte ich die Worte nicht mehr fein-fühlen und achtsam-sortieren, ich wollte meinem Schmerz und meiner Überforderung, die ich als Kind in einer solch grausamen Kindheit fühlte und in mir trug, Gehör verschaffen. All das, was ich erfühlen musste, wollte raus. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle. Zu meiner Adoptiv-Schwester kamen noch diverse Pflegekinder mit unterschiedlichsten Schicksalen hinzu, die nicht weniger grausam waren. Ich merkte zwar, dass diese beiden Eltern jetzt dummer weise das zu hören bekamen, was meine Eltern hören sollten, doch konnte ich das Schmerz-Pferd nicht mehr stoppen. Es galoppierte los, wie ein Wildpferd, das freigelassen wurde. Mir war es unangenehm und gleichzeitig fühlte es sich gut an, jemanden gegenüber zu haben, der zuhörte. Zuhören musste, bis sich mein verletztes Pferd wieder beruhigte.

Wir tauschten uns noch über die Grausamkeiten aus, die jene Kindern erleben mussten und über die Schwierigkeiten der Sogwirkung, die entsteht, wenn eine Familie nicht nur ein traumatisiertes Kind in die Familie integriert. Sie kannten die fiese Spirale, den Sog in die Schwere. Sie hatten zu dem einen Kind auch noch ein weiteres aufgenommen. Aber das ist ein anderes Thema, auch ein sehr schmerzhaftes zu dem ich Blogs und Abende füllen könnte.

Wir verabschiedeten uns. Wir waren gleichermaßen berührt, uns Jahre später noch einmal kennen gelernt zu haben. Mit allem, mit Licht und Schatten. Dann war ich wieder alleine – Rado war und ist beim Produzieren der GUTDING-Gläschen.

In mir hat sich die Traurigkeit auf meinen Lieblingssessel gesetzt.
Sie schaut mich an und wartet.
Ich fühle Scham.
Verlegenheit.
Den Beiden gestern meine Sicht auf die Kindheit zu erzählen, war okay, aber das Schmerz-Pferd hat sie bestimmt verletzt. Ich habe den Vorwurf in meiner Stimme gehört, dabei hat es doch so gar nichts mit ihnen zu tun. Ihre Geschichte hat mich angetriggert. Ich hab meine Standkraft verloren.
Ich fühle Wut auf mich.
Jetzt wieder Traurigkeit.
Ich hab ausgeteilt, weil ich mich in diesem Schmerz von meinen Eltern nie gesehen gefühlt habe.
Doch am Ende fühlte ich bei meinem Besuch eine Schwere, die ich ihnen auf die Schultern gelegt hatte.
Das macht mich traurig und ich würde mich gerne erklären, es rückgängig machen.
Sagen, das ich nicht sie meinte.

Das „Jetzt versteh ich, weshalb du … !“ kommt mir immer wieder in den Sinn. Intellektuell weiß ich, das mich das, was ich erlebt habe zu dem gemacht hat, was ich jetzt bin. Aber heute fühle ich etwas mehr noch als nur den penetranten dumpfen Schmerz!

Trauer ist dazu gekommen. Stechende schwere Trauer.

Ich fühle die Traurigkeit über das, was ich gesehen habe, was Menschen anderen Menschen antun können. Hilflosen kleinen Menschen. Kindern. Säuglingen. Ich habe körperliche und seelische Verletzungen wahrgenommen, die mich bedrücken. Das Alleine damit sein hat mich in jungen Jahren arg überfordert, ich wollte weglaufen, doch in dieser Welt gibt es kein weglaufen vor so etwas. Ich hatte das Vertrauen und den Glauben in den Menschen verloren und habe beschlossen lieber ein sich-abwendender Mensch zu werden, als ein sich-Kümmernder. Ich bin entschlossen in die Welt der Werbung gegangen, da wo alles glänzt und sauber ist. Doch da habe ich es nicht lange ausgehalten. Also ging ich von der reinen Werbung ins Design und habe meine eigene Welt geschaffen. Meine Agentur. Lange habe ich es nicht gemerkt, dass ich dort durchgehend über Bande sozial wirkte. Ich erinnere mich, dass einmal eine Kundin nach meiner Kindheit fragte und ich locker flockig von Adoptiv-Schwester und Pflege-Geschwistern sprach. Sie sagte damals nur „Ah, deshalb!“

Zu der Zeit habe ich die Erkenntnis-Äusserung der Kundin nicht verstanden. Sie kam bei mir eher so an, als würde mich ein wildes Tier aus der Vergangenheit einholen und angreifen. Ich fühlte mich bewertet. Doch die Kindheit hat mich geprägt. Indirekt habe ich unbewusst viele soziale Einrichtungen mit meiner Power unterstützt und dadurch geholfen.

Heute, mit mehr Abstand, sehe ich friedlich zurück und kann das wahrgenommene aus der Kindheit und das wahrnehmende aus der Jetzt-Zeit betrauern. Der Schmerz war und ist wichtig, um zu werden, wer ich jetzt bin. Ich bin ein Mensch, in dem durch das Geschehende, die Sehnsucht nach dem respektvollen Miteinander erwachsen ist. Ich bin dadurch zu einem sensiblen Wesen geworden, das zerbrechen hätte können. Es hätte schief gehen können, ich kenne Menschen, die daran zerbrochen oder zu Stein geworden sind. Ich bin dankbar, das ich nicht in der Drogenszene und auch nicht in der Werbung hängengeblieben bin.

Und ich bin den Menschen dankbar, denen ich immer wieder auf meinem Weg begegnet bin – die mich gesehen haben. Durch sie, die mich gesehen haben, konnte ich den Schmerz in eine Kraft verwandeln.

Ja, ich fühlte mich in meiner Kindheit in etwas eingewickelt und heute habe ich das Gefühl mich daraus ent-wickelt zu haben. Der Schmerz war wichtig und die Traurigkeit darf jetzt sein. Es ist traurig, was in unserer Welt geschieht. Nur muss ich die Traurigkeit darüber nicht mehr verstecken. Ich darf sie fühlen. Ich darf sie teilen. Ich darf weinen.

Natürlich möchte ich noch lernen mein Wild-Pferd so im Zaum halten zu können, das es niemanden verletzt, aber ich bin glücklich einen Mustang in mir zu haben. Und vielleicht kann ich es dadurch sogar heilen.

Ich wünsche Euch allen eine fühlende Karwoche,
Agapi

p.s. DANKE, lieber Besuch!

2 Kommentare vorhanden

  1. Zora sagt:

    Liebe Agapi,
    mir kullern die Tränchen nach deinem so ehrlichen Text.
    Auch, weil ich so gut nachfühlen und verstehen kann, was du da durchmachst.
    Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es unausweichlich ist, sein kleines Kind anzuhören und Aufmerksamkeit zu schenken und freue mich, dass ich damit nicht alleine sein muss.
    Wenn du magst, schaue dir meinen, wenn auch noch frischgeschlüpften, Blog an…
    Knuddel, Zora

    • agapi sagt:

      Liebe Zora,

      danke Dir für Dein so warmes und herzhaftes Feedback. Das kribbelt richtig in meinem Herzen. Mich macht es super-glücklich, wenn mich junge Menschen verstehen und meine Worte sie bewegen kann. Es freut mich sehr, dass meine Worte Dich erreicht und berührt haben – und wenn Du Dich darin wiedererkennst und wir dadurch schon zu zweit sind, macht mich das noch glücklicher. Dann bin ich nicht alleine damit.

      Danke Zora, für Deine Worte,
      Agapi

      p.s. Ich freue mich, dass Du mit Deinem Blog begonnen hast und mich mit Deiner Ehrlichkeit bewegst!

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