wahlverwandt

30. Juni 2016

Mein letztes Wochenende möchte verdaut werden, wie ein sehr reichhaltiges Festmahl. Es zwickt und sticht, obwohl es mir so köstlich und wohlig gemundet hat. Aber es war einfach zu viel. Ich merke es, weil ich immer wieder aufstoßen muss und die Schnäpse so gar nichts bringen. Wenn ich in den Garten gehe, um mich zu erden, streifen mich die Gefühle nicht, sie rammen mein Ich. Es ist unglaublich, was ein Klassentreffen wieder ans Tageslicht bringt.

Am Wochenende traf sich meine Klasse aus meiner Frankfurter Schulzeit nach 25 Jahren in Frankfurt am Main. Ich war dort in der Waldorfschule in Eschersheim von der 5. bis zum Abi. Ich verbinde so verdammt viel mit dieser Zeit. Das ist mir erst in den letzten Tagen so richtig kräftig ins Herz geschmettert worden. Na ja, die Schule ist ein Großteil von unserer Kindheit so wie die Zeit im Bett ein Großteil unseres gesamten Lebens ist.

Ich bin super gerne in die Schule gegangen. Die Schule hatte Werkunterricht und ich war super in Werken. Und das war auch meine Rettung. Ich glaube, ich bin ein selbstbewusstes, an sich glaubendes Wesen geworden, weil ich zwei Fächer hatte, mit denen ich was anfangen und in denen ich glänzen konnte. Werken und Sport.

Positiv-erschwerend kam hinzu, dass ich lieber in der Schule war als Zuhause. Mein Zuhause war dummer weise 60km von der Schule entfernt. In unserem Dorf in dem ich aufwachsen musste und das am Ende der Welt lag, dachten alle ich sei Behindert. Aus heutiger Sicht ist es für mich verständlicher, ich ging eben nicht, wie der Rest des Dorfes in die Dorfschule, sondern wurde jeden Morgen von meinem Vater auf seinem Weg zur Arbeit nach Frankfurt, zur Schule gefahren. Das kann schon ein bisschen krank wirken.

Zurück kam ich mit der Bahn und das dauerte elendig lang. Meine Endstation erreichte ich nur mit dem Fernzug und von da war ich abhängig, dass mich jemand mit dem Auto abholte. An fast allen Tagen sollte ich in der Schule auf meinen drei Jahre älteren Bruder warten, um die passende Verbindung zwischen S-Bahn und Fernzug zu bekommen und auch um mit ihm zusammen an der Endstation von unserer Mutter abgeholt werden zu können.

Das Zur-Schule-kommen-und-wieder-nach-Hause war schon etwas Kindheitsfeindlich. Ich muss gestehen, dass ich immer noch nicht gerne Bahn fahre und es war auch etwas unlogisch-inkonsequent. Meine Mutter wollte uns behütet großziehen und besonders. Landluft und -leben und Waldorfschule, kein Fernsehen, keine schlimmen Zeitschriften, kein Kino, keine Süßigkeiten …. ich wartete natürlich nicht brav in der Schule auf meinen Bruder und auf die tolle Zugverbindung, sondern fuhr zum Hauptbahnhof, stiefelte in den nächsten Kiosk und las alle schlimmen Zeitschriften, schnorrte mich durch und aß schlimmes Zeug, schlich ins Kino und sah schlimme Filme, sah Prostituierte die Anschaffen gingen, Drogenabhängige und Dealer, Tote, Sich-selbst-Umbringende, Obdachlose und Verlorene … und alles ohne darüber sprechen zu können – es war ja ein Geheimnis.

Es war eine verschrobene Zeit. Ich fühlte mich zu zwei Welten verdonnert, obwohl mir eine lieber gewesen wäre. In der einen lebte ich idyllisch auf dem Land mit vielen Pflegekindern und einer sehr enthusiastischen Helfer-Mutter die gerne bastelte – die Pflegekinder-Geschichten waren ähnlich interessant wie der Hauptbahnhof – in der anderen Welt lebte ich in einer Schule, in der ich zwar nicht zu den Beliebtesten gehörte, aber in der ich Freunde hatte, die zu mir hielten und die an mir Interesse hatten.

Das Switchen war anstrengend und für meine Psyche nicht das beste. Ich erfand mir für das Am-Ende-der-Welt-Leben einen Inneren Freund, mit dem ich alles abmachte und mit dem ich zusammen in die Einsamkeit ging. Wahrscheinlich wäre ich sonst verrückt geworden – vielleicht bin ich auch verrückt geworden – auf alle Fälle versuchte ich alles, um im Orchester was zu werden und im Chor, um ja bei Schulfreunden übernachten zu dürfen. Ich genoss es, wenn ich in der Stadt bei Freunden bleiben und von ihrer Heile-Welt nippen durfte. Die späte Heimreise machte dann sogar in den Augen meiner Mutter keinen Sinn mehr. Also nahm ich an allen angebotenen Nachmittags-Veranstaltungen teil und genoss es zeitweise normal zu sein. Ich schlief bei den unterschiedlichsten Familien und genoss die unterschiedlichsten Lebensformen. Ich ging mit den Familien meiner Freunde in andere Kirchen und lernte Kunst und Kultur aus den unterschiedlichsten Perspektiven kennen. Das habe ich aufgesaugt und geliebt, ich kann mich an so vieles noch erinnern! Aber eben auch an so viele Schweres aus meinem Elternhaus – und das macht mich traurig!

Ich könnte hier jetzt weiter schreiben, bis meine Finger wund sind …
… aber das erste drittel meines Buches ist ja auch schon fast fertig und darin verarbeite ich alle die schönen und unschönen Erlebnisse, die mich zu dem gemacht haben, die ich heute bin. Mir ist nach dem Wochenende nur klar geworden, dass ich in mir ein Gebräu trage, das über 25 Jahre in mir gärt. Ich habe zwar schon viel an mir gearbeitet, aber der Entschluss, offen und ehrlich zu meinen Klassenkameraden zu fahren, war eine der besten Ideen seit langem.

Es war ein Traum von Wochenende. Am Freitag fing es an. Ich saß schon in der Bahn Richtung Hamburg wie ein Honigkuchen-Pferd. Ich hab die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut und gedacht, Agapi, es ist die Freude, die heftigst in dir schlägt. Sie schmerzt schon fast. Freu dich! Genieß sie!

Anna hat mir aus der Ferne zugewunken, als ich in Dammtor auf den Treffpunkt-Parkplatz zusteuerte. Sie ist eine Klassenkameradin und wohnt auch in Hamburg. Wir laufen uns aber nicht sonderlich oft über den Weg. Ich kann mich an drei Male erinnern. Und dann ist es immer eine Riesen-große-Freude-und-wieder-verschluckt-werden-vom-Alltag. Jede von uns hat ihre Welt und nur ab und an überschneiden sie sich.

Anna hat mich mitgenommen. Das Beginnende-Schöne war die lange Autofahrt. Wir hatten die ganze Zeit nur für uns. Mein Herz hüpfte noch doller als in der Bahn. Und kaum waren wir am Fahren, redeten wir intensivst in einem durch, bis Anna den Wagen vor der Haustür von Cajus hielt.

Bei Cajus hatte ich mich mutig per whatsapp einquartiert. Wir haben eine Klassengruppe, die sich reichlich und locker austauscht. Ich versuchte mich heitere als gefühlte Aussenseiterin bei Cajus Kurz-WG einzunisten und es gelang mir. Das Wohnzimmer stand zwei weiteren Klassenkameraden zur Verfügung. Ich muss gestehen, dass mich mit Cajus sehr viel verband. Nicht nur dass er, wie ich, einen super langen Schulweg hatte. In ihn war ich zum ersten Mal verliebt. Mit ihm habe ich eine Schülerzeitung herausgegeben. Mit ihm habe ich mir im Unterricht Zettelchen geschrieben. Von ihm fühlte ich mich das erste Mal von einem Jungen gesehen.

Aber das Leben ging weiter und ich verliebte mich auch noch in Eik, in den Biologielehrer, in den Kunstlehrer, in den Freund von meiner Freundin … ich war mir wohl nicht sicher oder brauchte einfach alles … oder das gehört in die Zeit des Erwachsenwerdens, egal!

Am Ende habe ich ein Blackout. Ich kann mich nur noch an kleine Fetzen meiner Schulendzeit erinnern, als wenn ich die schönen Momente zu den dunklen Flecken gepackt und sie in Gänze vergraben hätte. Ja, neben der schmerzenden Freude auf die Vergangenheit steht die Angst, die dunklen Flecken wieder aufzuwirbeln.

Das letzte Mal, beim Klassentreffen vor zehn Jahren, habe ich mich gut verpackt. Ich hatte mich so aufgebrezelt, dass mich keiner erkannte. Das war ein Triumph für mich, hat mich aber auch gleichermaßen alleine und einsam fühlen lassen. Ich war unnahbar und unverletzlich, ich saß im Panzer.

Diesmal wollte ich echt sein, ehrlich zu den anderen und zu mir. Diesmal wollte ich mich als diejenige zeigen, zu der ich mich in den letzten Jahren verwandelt hatte – verletzlich, pur und ohne Maske!

Mein Dress war schon der volle Kontrast zu dem Von-vor-zehn-Jahren – das Designerkleid wich einer Kombination aus Upcycling, Restbestände aus fetten Jahren und Turnschuhen vom Flohmarkt. Ich hatte das eine oder andere vorher noch geflickt, damit ich nicht all zu auffallend-anders erscheine. Zuhaus vorm Spiegel ging es mir noch super damit. Doch als Anna und ich bei Cajus in den Garten traten, wo eine Handvoll Klassenkameraden sich schon aufwärmten, wich mein Mut und ich fühlte mich, als würde ich laut zusammen sacken, wie ein Luftballon dem man die Luft entquietschen lässt.

Ich gönnte mir dieses Gefühls-Chaos, setzte mich zu den anderen, lauschte erst einmal und fühlte mich. Bei den ersten Fragen die an mich klopften, stolperten meine Sätze noch ein wenig. Nach einer Weile fühlte ich mich wieder stimmiger in meinem Sein und wurde wieder mehr ich.

Es war so schön heimelig-heilend in der Cajus-Herberge übernachten zu dürfen. Die Achtsamkeit vom Gastgeber wärmte mich und am liebsten wäre ich für immer wach geblieben. Es war, als würde ich in der Zeit zurückreisen und auf Klassenfahrt sein. Ich war inmitten meiner Wahlfamilie, schlief in der Geborgenheit der Vergangenheit und durfte den Geschwistern meine Gedanken mitteilen und ihre erhaschen. Ich holte so viel auf und genoss es.

Am nächsten Morgen glühte mir der Kopf – ich hatte Kopfweh von so viel Schönem. Ich versuchte mich mit Kaffee zu entspannen – ich entspannte -alles war gut. Ich war nach Jahren in meiner Familie gelandet und würde gleich noch die anderen Verwandten wieder sehen.

Der Freundensdruck wuchs, denn wie das Glück es wollte, war auch just das Sommerfest in unserer Schule. Die Schulfeste habe ich geliebt. Damals war es für mich, als würde mein Lieblingsplanet ein Fest für den Rest der Welt geben und jetzt durfte ich es noch einmal erleben, als Groß-Kind.

Cajus als Vater eines Sohnes, der auf die selbe Schule ging wie wir, hatte einen Dienst auf dem Sommerfest übernommen, also begleiteten wir ihn. Gemeinsam fuhren wir mit dem Bus zur Schule.
Ich sprach aus, was ich fühlte. „Wäre es für euch okay, wenn wir als Gruppe über das Fest gehen. Mir wird ganz mulmig. Mir kommt so viel hoch seit Gestern. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das aushalte.“

Es folgte ein gelebtes Ja! Es folgte eine so feine Zeit auf dem Schulgelände. Es folgte ein Zusammenhalt und stetig wurden wir Familienmitglieder mehr. Auf dem Schulhof trafen wir alte Lehrer, zu denen wir uns gesellten und uns als Klumpen vorstellten. Wir robbten uns eher schwerfällig über den Schulhof und gingen geschlossen vor dem Schultor eine Rauchen. Die Gruppe spaltete sich auch mal wieder, aber meine Cajus-WG hatte ein Auge auf mich, jedenfalls empfand ich mich geborgen, geschützt vor den dunklen Flecken.

Die Zeit verging wie im Fluge. Wir rauchten heimlich ganz oben auf der Feuertreppe, wo einst unsere 12. Klasse war. Durchkämmten die Flure und schwelgten in alten Erinnerungen, wir konfrontierten Lehrer mit unseren älter gewordenen Erscheinungen und ließen sie raten, wer nun wer sei und wir fanden alle, dass die Schule viel kleiner und die Bäume viel größer geworden waren.

Der Abend kam und mit ihm das Treffen mit allen Verwandten. Oh, wie bin ich dankbar, dass ich mich so verwandelt und die Maske verbrannt habe. Ich habe mich mit so Vielen ausgetauscht, mich gezeigt und Wärme gefühlt. Und irgendwie – ich kann es gar nicht genau sagen, woran es nun im einzelnen lag, konnte ich durch meine Wahlverwandtschaft und meinem verletzlichen Sein, meine Wunden aus der Kindheit heilen lassen.

Mir war es möglich mit den Anderen im Gespräch das Schweren vom Leichten zu trennen. Und jetzt ist mir auch noch klar geworden, dass mir das alleine nie geglückt wäre. Dafür brauchte ich meine Wahlverwandten. Ich danke Euch!

Ich danke Dir, Anna für die gute Fahrt und das mit Dir zusammen aufwärmen und abkühlen dürfen!
Und ich danke Euch, Cajus, Eik und Norman für die Kurz-WG, die mir den Halt gegeben hat und noch ganz viel Herz oben drauf!

2 Kommentare vorhanden

  1. Andy sagt:

    Hast Du auch kritische Anregungen zum Nachdenken vom Klassentreffen mitgenommen?

    Gruß
    Andy

    • agapi sagt:

      Lieber Andy,

      ja, das Gespräch mit Dir und Axel – bei dem ich mich manchmaloft wie im Kreuzverhör gefühlt habe – hat mich sehr lange beschäftigt und mich mein Sein hinterfragen lassen.
      War ich zu offen und ehrlich?
      Ich habe mich ganz schön verletzlich gemacht.
      Mich haben Deine krittischen und für mich manchmal zynisch anfühlenden Fragen sehr verunsichert.
      Manches von Deinem Gesagten hat mich auch gekratzt.
      Doch, Du hattest echtes Interesse an meinem Leben und warst selber ehrlich, offen und dadurch auch verletzlich.
      Und am Ende unserer Discussion war da der Respekt und die Achtung, die Du mir entgegengebarcht hast. Mitten im Lärm des Wiedersehens. Da bekomme ich jetzt noch Pipi in die Augen. Wir haben uns wirklich wiedergetroffen.

      Danke,
      Agapi

      p.s. und das sich mir damals sehr nahe Menschen entfremdet haben, hat mich etwas traurig gemacht.

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