Amen!

31. Juli 2016

Meine Zweifel haben Urlaub.
Das ist ein wohliges Gefühl.
Sie sollten immer frei haben.

Statt dessen habe ich in letzter Zeit öfters mal etwas im Garten wegzuarbeiten gehabt. Ich gehe gerne in den Garten, um mir meiner Wut, Trauer, Überforderung oder Nicht-wissen-wie-weiter auf den Grund zu gehen. Es ist unglaublich, aber nach ein paar Stunden im Garten ist in mir Frieden und ich weiß einen Hauch besser, wie-weiter.

Das in-der-Erde-wühlen macht mich rund. Es bringt mich zu mir, ich klinge dann mit mir und den warmen Ton mag ich. Bei der Gartenarbeit dürfen alle Gedanken kommen, sich breit machen, gesehen, gefühlt und verabschiedet werden. Manche kommen wieder und wieder, wie ein Kind, dass zum Xten mal nach Liebe fragt.

Gerade fühle ich mich wenig wolkig.
Ich war heute wieder im Garten!

In den letzten Wochen bin ich von Herausforderung zu Herausforderung gewandert. Jede Herausforderungs-Hütte hatte, wenn ich sie endlich erreicht hatte und erschöpft vom mich-friedlich-arbeiten-und-erkennen-im-Garten, etwas bedeutsames. Es war, als wenn ich Meilensteine erreicht hätte. Mit jedem Ankommen-und-Erkennen an den einzelnen Stationen, konnte ich den bizarren Ausblick auf die nächste Herausforderung erblicken und auf das Erlebte zurückschauen. Von den Herausforderungs-Hütten ist der Blick berührend-schön. Von da aus kann ich in die Weite meines Lebens schauen – im klaren süßen Abendlicht – in die Zukunft und in die Vergangenheit. Dann bin ich begeistert vom Mir-werden-wohl-noch-viele-steinig-schöne-Wege-geschenkt und sitze geschmeidig-müde im Gegenwart-Sattel.

Aber, so eine Wanderung will auch verdaut werden.
Ich hatte viel Seeelenkater in den letzten Wochen.

Doch Neverstaven, der Ort, an dem ich in den Garten gehe darf, hat mein Mich-im-Garten-wieder-einnorden-müssen gut getan. Ich habe meterweise Liguster- und Bucksbaum-Hecken runter geschnitten, WG-Zimmer-große Blumenbeete rekultiviert und sie zu Hortensien-Setzling-Schulen verwandelt. All das hat mich sortiert. Danke Garten, dass Du bist!

Wir werden nächstes Jahr in Hortensien schwimmen.

Dass ich mich sortiert bekommen habe, ist mir jedoch nicht alleine durchs In-Garten-gehen geglückt. Mir kam im Garten die Erkenntnis, dass ich alleine scheitern könnte in meiner heiklen ich-wachse-an-der-sich-bildenden-Gemeinschaft-Phase. Dabei zu sein, wie eine Gemeinschaft entsteht – wohlwissend ein Auslöser dafür zu sein – bringt Herausforderungen mitsich, die durchleben werden wollen – alles Gut und Schön! Das es kein Zuckerlutschen wird, hab ich mir schon gedacht. Aber ich merke, dass ich genauso schnell reifen muss, wie die Gemeinschaft wächst, sonst werde ich an ihr zerschellen.

Für mein Schicksal bin ich mittlerweile sogar bis in meine Kindheit zurück dankbar. Ja, ich bin die Agapi geworden, weil ich die Agapi-Familie abbekommen habe. Und ja, ich bin durchzogen von Familien-Narben und es fällt mir schwer, mit ihnen in Mini-Gemeinschaften zu treten.

Schon die Kleinst-Gemeinschaft mit Rado, in der Ehe und parallel mit unserem GUTDING, strengt mich an und braucht viel Gartenarbeit. Mein Sein hat Narben, die durch jede noch so zart wachsende Gemeinschaft, immer mal wieder berührt werden. Eigentlich durch alle Gegenüber. Das ist auch okay, aber es tut manchmaloft einfach nur weh. Dann brauch ich viel Kraft, um nicht aufzugeben.

Was, wenn ich an meinem Seelenkater verende und nicht schnell genug reife?
Ich möchte wachsen!
Bitte, lass mich an den Aufgaben wachsen!

Okay, ich akzeptiere: Eine sich entwickelnde Gemeinschaft – auch wenn es eine ganz kleine ist – birgt so manche schelmisch-tückische Falle, in die mein Ego reinfallen und vom Gegenüber-Ego gefressen werden kann.

Eine dieser fiese-mopsigen Fallen habe ich auf meiner Herausforderungs-Hütten-Wanderung in diesem Sommer dank Gartenarbeit und zwei Sherpas verstanden.

Meine versteckte Innere-Klarheit.

Wenn ich nicht klar bin, ich, die im Fokus der Gemeinschaftsbildung steht, dann mache ich meinen Gegenüber wuschig. Dann fängt er hartnäckig an, mich auf Herz und Seele zu prüfen. Dann fühle ich mich kritisch beäugt, als wartet er darauf, dass ich endlich in meine Innere-Klarheit gehe und sie lebe. Es fühlt sich an, als würde ich alle Naselang meine Mitmenschen durch meine versteckte Klarheit provozieren.

Aber manchmal bin ich auch noch am schwächeln und dann denke ich, dass ich meine Klarheit nicht offen leben kann. Dann ist mir meine Stärke peinlich. Und dann rede ich schwächelnd, schwammig, dann schwimme ich in meinem Gefühlssalat und wirke für den Moment bestimmt ganz flattrig-nervig. Und dann, dann hagelt es Piekser, Piiiiiiiekser und noch mal mehr Piiiiiiiiiiiiiiiiiekser.

Das aller verzwickteste daran ist aber, dass ich, durch das gepiekst werden, irgendwann an einem Punkt komme, an dem es mich nervt und dann – schwups! – bin ich doch in meiner inneren Klarheit. Meine mit einem mal erlangte Klarheit wirkt dann messer-klar-pieksig und dann ist mein Gegenüber vollends irritiert und wird einmal-mehr-noch piiiiiiieksig. Nur weil ich mir nicht von Anfang an das Vertrauen geschenkt habe, dass ich mir schenken könnte.

Eigentlich ist es ganz schön faszinierend, dass mein So-sein-wie-ich-eben-jetzt-so-bin sich stößt, sich reibt und mir dann, wie ein Bumerang, das Von-meinem-Gegenüber-gespiegelte in meine Seele rammt. Sein Gespiegeltes verletzt mich manchmal für den Moment und katapultiert mich auf mein Selbst. Das schmerzt, überfordert mich, fordert mich heraus und lässt mich in Garten gehen.

Durch-fühlt, auseinander-gefühlt und wieder zusammen-gefühlt, finde ich mich dann aber wieder und darf, nach einer oder mehreren Nächten, zur nächsten Herausforderung wandern.

Im Garten kam mir dann der Einfall, mir Hilfe von Aussen zu holen. Und ich danke meinen Sherpas. Sie haben mir geholfen, mich zu sehen, wie ich wirklich bin. Und das haben sie so liebevoll-ehrlich gemacht, dass es nur einen Hauch wehtat.

Mit ihnen ist es mir geglückt, mich vor ihren Augen verletzlich zu zeigen und mit ihnen neue Agapi-Erkenntnisse an mich ran zu lassen. Puh! Das war nicht ohne! Ich meine, steh mal da, wie Obelix und weine, dass Dir der Riesen-riesen-mega-Stein zu schwer ist? Und wenn Dir dann noch Dein Sherpa eisklar-aufpunkt sagt, dass Du nun mal Obelix bist, Du dazu-stehen- und -achtgeben-lernen musst daran zu denken, regelmäßig deinen Zaubertrank zu nehmen. Nicht ohne!

Völlig nackig ging ich mit meinen Sherpas auf meine Schattenseite. Stand da, schaute in das ekeligste und düsterste Dasein von mir – fühlte ein heißes Spotlight auf mich gerichtet – und merkte langsam, dass ich keine Scham haben musste. Ich fühlte irgendwann die Innere Größe in mir. Fühlte, dass ich bereit war, die Schattenseiten in mir anzuschauen und daran zu arbeiten.

An dieser Stelle gab es für mich nur zwei Möglichkeiten. Zu leugnen, dass es diese Schatten in mir überhaupt gibt, wohlwissend, dass ich gerade sowas von vor ihnen stehe. (Ich bin nur zum Glück eine super-schlechte Lügnerin). Oder dem ekeligen Schatten, einen Namen zu geben, ihm mit Respekt und ohne Groll die Hände zu schütteln und ihn zu fragen, was er brauchen, um sich in Luft aufzulösen.

Ich habe sie aufgesucht, die Hüter der Dunkelheit.
Was sie wollen?
Sie wollen von mir regelmäßig besucht und gekannt werden, bevor sie mich loslassen.
Wenn ich sie zu meinem Sein nehme, sie anerkenne und mit ihnen in den Garten gehe, dann würden sie sich in was Neues-Tolles verwandeln. Das haben sie gesagt!

Da bin ich aber noch nicht.
Ich bin noch da, wo es ekelig-stinkig ist.
Aber das tut mir nicht mehr so viel.
Mir ist wohlig-warm.
Ich hab ja auch noch ein paar Herausforderungs-Hütten vor mir.
Und kann den Ausblick genießen.

Dankbar bin ich mir.
Ich habe mir, an einer echt figelinschen Stelle meines Lebens, Sherpas gesucht und sie für meine Herausforderungs-Wanderung gewinnen können. Ich habe mir geholfen!

. – . – . – . – . – . – .

P.S. Ach, und was auch anstrengend-schön ist und super zur Herausforderungs-Exkussion passt. Rado und ich werden seit knapp zwei Jahren von Andi begleitet. Andi ist ein Freund von Rado und Andi hat eine Film-Firma. Andi liebt es, authentische Dokus zu drehen – ohne einen Sender, der mitredet.

Andi hat uns vor zwei Jahren gefragt, ob er einen Dokumentarfilm über uns machen darf. Er war beeindruckt, in uns zwei Menschen getroffen zu haben, die in echt ihr altes Leben verlassen haben, um die Struktur in der sie saßen zu verändern und nun dabei sind, ihre Vision, eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu gründen, wirklich versuchen zu leben. Das hat ihn gepackt.

Mit bewegten Bildern, Geschichten über Menschen zu erzählen und anderen Menschen nahebringen, Zuschauer so zu berühren, dass ihr Zutrauen wächst und sie die Kraft in sich spüren, auch in ihrem Leben etwas zu verändern. Dass sei sein Talent, hat uns Andi vor zwei Jahren gesagt. Nicht alle könnten den Weg gehen, den wir gehen. Aber er kann Menschen, wie wir es sind, begleiten, sie zeigen und ihren Weg dokumentieren.

Das hat mich damals für dieses Andi-Film-Projekt geöffnet. Vor zwei Jahren war mir schon ein wenig mulmig bei der Vorstellung, dass Andis Wunsch-Ziel irgendwann erreicht werden könnte und wir unsere Geschichte im Kino sehen. Aber da es noch so weit weg war, war es für mich eher etwas lustig-schmeichelndes – da kommt regelmäßig ein Freund, der Interesse an uns und unserem Tun hat und hält da mit der Kamera drauf.

Seit knapp zwei Jahren begleitet Andi uns jetzt schon.
Es wird langsam ernst. Er spricht schon von seinem Filmende in 2018.

Was mich nach knapp zwei Jahren positiv zu nerven beginnt ist, dass Andi mir auch immer Fragen stellt, die ans Eingemachte gehen.

Gerade vor ein paar Tagen, als wir die Pflaumenernte und -veredelung zur Gemeinschafts-Aktion gemacht haben. (JA, ES GIBT DANN WIEDER GUTDING-PFLAUMENMUS!!!!) Da hat Andi mich inmitten der Gemeinschaftsaktion gefragt „Und, Agapi, ist das jetzt der Ansatz von Gemeinschaft, den Du Dir gewünscht hast?“ In diesem Moment hagelten unendlich viele Pflaumen auf mich hinab. Ein Mitmensch hatte mit dem Schütteln des Astes begonnen ohne hinunter zu schauen, ob vielleicht ein Mitmenschen unter dem Baum die Pflaumen aufsammelt.

Oh je, wieder eine Frage für die ich einen Tag bräuchte, um sie gebührend zu beantworten. Oder drei Tage Garten, um sie zu verdauen. Ich fühlte mich gerade eher komplett in der Gemeinschafts-Aktion gefangen und mit meiner Inneren Klarheit wie wild am tanzen. Ich fühlte dieses nöööö-ich-bin-gar-nicht-der-starke-Obelix und geht-mir-alle-aus-dem-Weg-ich-bin-Obelix.

Mir wurde schlecht und die Frage tat beim hören schon weh.
Ich will wachsen und reifen! Bitte schnell!

Meine eine Sherpa darf ich in einer Woche wieder aufsuchen.
Darauf freue ich mich!

Und jetzt geh ich erstmal wieder in Garten!

4 Kommentare vorhanden

  1. Beate sagt:

    Wow, von deiner Ehrlichkeit und Tiefe bin ich wieder mal sehr berührt. Danke! Du bist eine Inspiration.

    Freue mich auf den Film, vor etlichen Jahren haben wir eine Dokumentation gesehen, in der Jamie Oliver begeltet wurde auf seinem Weg zur Eröffung seines ersten Restaurants. Der Weg war hart und steinig.

    Und wir wissen, wo er heute steht!

    „Beginning with the end in mind“ haben wir von Steven Covey gelernt. Bleib dran.

    • agapi sagt:

      Und ich möchte Dir danken!
      Du bist mir eine treue Begleiterin geworden und mir streichelt Dein Feedback über die Seele …
      … DANKE!

  2. Leonard sagt:

    Das ist ja echt!
    Super. ;)
    Man sieht es einfach so selten, jmd der etwas authentisch beschreibt. So oft einfach etwas Oberflächliches.
    Aber du wirkst wie jmd. der bereits einen Punkt erreicht hat, an dem es keinen Halt mehr gibt, kein zurück.
    Über die Gutding-Produkte und dann über die FB-Seite wurde ich jetzt hierauf aufmerksam.
    Die Produkte sind fein! Der Geschmack ist so gut auf den Punkt. Nur so will ich essen. Da ist es nochmal schön zu sehen, weshalb es so ist. Weil jmd. ganz bewusst bei der Sache ist. Danke sehr !

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