Maria durch ein Dornwald ging

21. Dezember 2013

Das Lied mochte ich immer sehr gerne. Wir haben es in der Schule um die Adventszeit gesungen. Wir haben überhaupt viel gesungen. Seufz! Ihr glaubt gar nicht, was bei mir sich in den letzten Tagen alles im Kopf zeigt und wälzt.

Mich plagt gerade ein Tief, Selbstzweifel sind das und mich verunsichert, dass ich mich hier in Martinshof noch immer nicht angekommen fühle.

„Komm schon, du bist noch nicht mal einen Monat da und im Sattel sitzen, nenn ich was anderes.“ Meine starke Seite meldet sich zum Glück auch noch ab und an.

Das Wetter hilft mir leider nicht sonderlich, etwas an meinen Gefühlen zu ändern. Es schmiegt sich förmlich zur Bitterness und summt mir ein dis-harmonisches Wiegenlied. Ich könnte jetzt eine Liste aufsetzen, was mich noch alles versucht runterziehen.

Noch drei Mal schlafen und ich feiere Weihnachten im Hexenhäuschen.
Ich habe Angst.
Meine Füße sind kalt.

Aber, lass mich das ganze doch mal versuchen, aus der positiven Kurve zu betrachten. Das Badezimmer ist fertig und richtig schnuckelig geworden. Ins Klamotten-Schrank-Abstell-Zimmer passt verdammt viel rein und ich finde immer wieder neue Möglichkeiten, um noch etwas hinein zu verstauen. Das Arthurs-Tafelrunden-Zimmer, welches mit der Küche verbandelt ist, nimmt langsam Formen an und in der Küche selbst können wir bereits abspülen und kochen. Dank Bärbel haben wir sogar einen kleinen Backofen gestellt bekommen und Rado ist wieder ganz in seinem Element. Es gab schon Brötchen und heute früh bin ich vom Back-Frisch-Brot-Duft aufgewacht. Die kleinste Empfangs-Halle der Welt, also unser Eingangs-Flur ist so freigeräumt wie noch nie. Im ganzen Hexenhäuschen ist nur noch ein bisschen Chaos. Meine kleine Schwester hat sich gestern aus dem Off gemeldet. Sie hat sich drei Jahre nicht gemeldet.

Das letzte Mal, als sie sich gemeldet hatte, wurde ihr gerade das Baby weggenommen. Das tat weh und hat altes wieder zum Vorschein gebracht. Ich wollte in das Strickmuster nicht wieder zurückgehen. Es ist nicht mein Muster. Ich hab einfach den Faden abgeschnitten. Grün soll es in dem Pullover nicht mehr geben. Mich wird es in dem Spiel nicht mehr geben.

Ich stelle mich nicht mehr zur Verfügung.

Deshalb hab ich bestimmt auch das Buch zu schreiben begonnen. Vielleicht wollte ich mich frei von meiner Schuld schreiben? Ich habe lange geglaubt, versagt zu haben. Ich hab meiner kleinen Schwester nicht helfen können in unser „gutes“ Leben zu klettern. Ich wollte mir das alles von der Selle schreiben, damit abschließen, mich frei von alledem machen. Wenigstens mich retten.

Das Buch-schreiben hat mich geschüttelt, traurig gemacht und mein Leben verändert.

Gestern hat sie gelallt. Ich habe sie nur ganz schwer verstehen können und immer nachfragen müssen, da wusste sie auch schon nicht mehr, was sie gesagt hat. Ich möchte gar keinen Hehl daraus machen, ich habe mit meiner Familie keinen guten Draht. Genauer gesagt keinen. Es gibt da was, dass ich von ihnen in diesem Leben nicht erhalten werde. Das schmerzt, klar, aber ich habe es annehmen können und übe mich seit her es zu respektieren. Positiv betrachtet, hat mich dieser Mangel sogar herausgefordert und mich werden lassen. Okay, das hat bitterlich wehgetan und viele Kratzer hab ich mir dadurch auch zugezogen, aber ich wäre auch nicht dieser Jetzt-Mensch, wenn das alles nicht gewesen wäre. Das ist wie bei einem guten Tröpfchen, das lange im Holzfass lag.

Danke Mutter, Danke Vater, Danke Bruder, Danke Schwester, Danke ihr anderen vielen Geschwister und Wegbegleiter.

Ich möchte lernen mich um die Nahrung die ich zum Leben brauche selber zu sorgen und ehrlich gesagt, gelingt es mir auch schon recht gut. Ich bin glücklicher geworden. Nun gut, mit Ausnahme dieser Rückfälle. Aber wenn ich auch in meiner Vor-Weihnachts-Bedenk-Ruhe gestört werde und mich das Schicksal zum Duell herausfordert. „Sackst du zusammen oder kannst du dich aufrecht halten, Agapi?“

Ich habe mich leicht schwankend aufrecht gehalten. Und das mir das Telefonat, meine kleine Schwester, ihr Drei-jähriges-Kind in der Pflege-Familie und Maria-durch-ein-Dornwald-ging nicht mehr aus dem Kopf geht, dass ist doch auch Menschlich. Oder?

Mir ist auf alle Fälle was klar geworden. Meine Intention ein Dorf zu gründen, kommt aus der Sehnsucht heraus mit Menschen in echten Kontakt zu treten. Ich sehne mich nach wahrhaftigen Kontakt. Gut das ich meine Bedürftigkeit kenne, jetzt kann sie mir keine Falle mehr sein.

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