Scheiden tut weh

30. November 2013

Meine Freundin Kerstin erzählte mir neulichst, dass es eine erforschte Stresspunkte-Vergabe gibt, bei der 100 Punkte an das Verlieren-durch-Tod-eines-geliebten-Menschen geht und ganze 30 Punkte an das Umziehen-an-einen-neuen-Ort. Ich wäre, glaube ich, ein wichtiges ergänzendes Forschungs-Element. Bei mir wird in Ausnahme-Zuständen jener Stoff freigesetzt, den Obelix in seinem Bottich hatte in den er als Kind hineingefallen war. Er erhielt dadurch lebenslang eine Überdosis, ich blühe immer dann auf, wenn mein Körper in sich eine Durchsage macht „An alle Körperteilchen! Wir geben der Frau in uns jetzt das Gefühl, sie sei ein Übermensch, okay?! Es wir ihr helfen diese schwere Veränderung zu meistern. Also, doppelte Leistungskraft auf alle Organe, Muskeln und Knochen!“

Punkt 7 standen, wie verabredet, vier starke Kerle für die Umzugsmasse auf unserer Matte. Es klappt alles wie beim Universum bestellt und es glückte mir sogar beinahe nix-mit-an-zu-packen. Alles lief geschmeidig. Bis auf, dass nicht alles in unsere bereitstehenden Fahrzeuge passte. Wir besitzen zu viel! Das beschlug meine Seele. Ich besitze zu viel. Ich werde mich weiterhin in Verzicht üben! Ja, ich möchte abspecken!

Aber die ganz schweren Dinge, wie der Tisch für die Tafelrunde und die anderen Riesenbrocken, wie der Kronleuchter haben wir alle im Siebeneinhalb-Tonner verstaut bekommen.

Ein Glück, dass die starken Kerle am Tag drauf noch in aller Herrgotts-Frühe Zeit hatten, für uns den Rest wenigstens die fünf Stockwerke hinab-zu-tragen. Herzlichen Dank Jungs!

Nun ist auch das Lager gerappelt voll. Ich hoffe inständig, dass mein Plan aufgeht. Die Bauern haben doch auch damals ihr trockenes Heu in die Scheune gebracht und da lag es dann über den nass-kalten Winter hinweg. Das hat auch nicht gemuffelt und gesparkt. Es war in ihren Scheunen immer gut gelüftet.

Ich gehe jetzt einfach positiv davon aus, dass sich meine liebgehabten Habseligkeiten mit den Temperaturen mitverfeuchten aber dann auch wieder mitvertrocknen. Wenn erst die Sonne wieder mit ihrer freundlichen Wärme kommt. Im Frühling, im Sommer, dann werden die Sachen bestimmt wieder trocken und muffeln nicht. Ist ja kein geschlossener Keller, in dem die Feuchtigkeit kriecht und dumm rum steht. Es pfeift dort in der Scheune durch viele große und noch größere Ritzen und das ist gut. Eben in guter alter Weise. Die Luft ist immer da und wird den sitzen-bleiben-wollenden Muff wegjagen.

Am Donnerstag in der Frühen-Früh war im nu alles unten. Die Jungs kann ich wärmstens weiterempfehlen, sie haben nicht gemeckert sondern noch Humor gezeigt. Und wieder waren unser Bus samt geliehener Hänger bis oben hin voll und nach einem kleinen Frühstück bei dem Bio-Supermarkt an unserer Ecke haben wir uns aufgemacht die Fuhre alleine nach Martinshof zu buxieren. Angekommen haben wir mit letzter Kraft die Dinge ins Hexenhäuschen gestellt. Das Bett aufgebaut und in selbiges gefallen.

Und gestern hatte ich mich Gut-Äugig mit meiner ältesten Freundin Hannelotte und der Künstlerin Kerstin Carbow verabredet. Wir wollten uns gemeinsam den Raum der Stille im neuen Bundeswehrkrankenhaus anschauen, den die Künstlerin dieses Jahr gestalten durfte.

Diese Verabredung war schon lange geplant und ich dachte, ich dürfte sie nicht absagen. Da ist sie wieder die Verfärbung von der auch mein Buch handelt. Ich funktioniere leider an manch einer Stelle noch sehr gut.

Da saß ich nun, obwohl ich gar nicht in der Lage war, da zu sein. Ich hatte mich hingeschleppt. Beinahe wäre ich auf der Fahrt nach Hamburg eingeschlafen und nun dachte ich fortwährend an eine große flache Ebene, auf die ich mich einfach nur hinlegen wollte. Bettzeug erwartete ich noch nicht einmal. Ich sehnte mich nach Ausruhen, einfach nur schlafen wollte ich und mein Körper war dankbarerweise meiner Meinung.

Aus irgendeinem Grund, dem ich natürlich nachgehe, musste so tun, als sei ich Pippi-Langstrumpf und Wonder-Women in einem. Dabei hatte meine weise Freundin und Trauzeugin Kerstin mir schon früh versucht zu helfen „Kannst Du Frankreich nicht verschieben?“ und “Nach dem Umzug würde ich ja alles absagen! Da will man doch Zuhause sein und alles einräumen und schön machen!“

Einerseits bin ich froh nicht im neuen zu Hause zu sein. Wirklich, ich hätte nie und nimmer nur da gesessen und mir das Chaos angeschaut. Ich wäre aktiv geworden und dann wäre ich da zusammengebrochen. Andererseits bin ich ärgerlich mit mir, dass ich nicht im neuen Zuhause geblieben bin. Das Dort-zusammen-brechen wäre vielleicht nicht ganz so unangenehm gewesen.

Ach Quatsch, es war alles genau richtig. Ich glaube, so wie ich zusammen-gebrochen bin, war es genau richtig.
Nach der Krankenhaus-Besichtigung bei Hannelotte bin ich kreidebleich in mich versunken, mir wurde übel und ich wusste, wenn ich nicht gleich nach der großen Fläche frage, auf die ich mich betten dürfte, würde es ein Unglück geben.

Ich habe vorzüglich auf dem neu eingerichteten Gästebett bei Hannelotte geschlafen. Mich richtig ausgeschlafen. Die Verabredung am Abend bei der weisen Trauzeugin-Kerstin zum gemeinschaftlichen Keckse-Backen habe ich mutig abgesagt und wie ein Stein geschlafen. Ich danke Dir von Herzen, Hannelotte. Du warst meine Retterin.

Jetzt sitze ich gerade im Internet. Ich meine in einem Café in der Schanze und versuche mich bei dem Gewusel das um mich rum tobt zu konzentrieren. Am Abend treffe ich noch eine liebe Freundin in Buxtehude, übernachte bei ihr und dann bin ich morgen zum Brunch eingeladen. Ich finde, wenn ich alles so sutsche weiter mache, war es doch eine gute Idee, nicht im neuen Zuhause zu bleiben. Hier werde ich jetzt vor meinem eigenen Aktionismus geschützt, mache so zu sagen ein Wellness-Wochenende fern vom Umzugs-Warn und kuriere mich von mir selbst.

P.S. Montag soll das Hexenhaus, also wir, in Martinshof Internet bekommen. Ich würde mich sehr freuen, wenn alles weiter so geschmeidig läuft.©agapi_auszug_7536

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