Die Gedanken, die sind frei

5. Januar 2014

Ein Glück und ein Pech zugleich. Je nachdem, von wo aus man auf die Gedankenwelt schaut. Sie beschützen uns und sie machen uns das Leben zur Hölle. Die Gedanken in Worte zu fassen und uns mitzuteilen, ist eine hohe Kunst. Ich versuche es schon seit ich denken kann und weiß, dass Worte ein irres Werkzeug sind. Mit ihnen kann ich mir den Weg durch die Welt bahnen und noch heute stehe ich manchmal da und bin sprachlos oder verunsichert, weil ich das Verhalten der Anderen und ihre Gedanken partout nicht erraten kann. Okay, dass es mich reißt wird weniger und vielleicht kann ich auch froh sein, dass mich noch Ungesprochenes, besondere Verhalten und Taten von Menschen beschäftigen, berühren und gar wütend machen. Wäre doch das Leben langweilig, wenn ich auf nichts Störendes träfe.

Heute traf mich was. Es tauchte ein verdächtiger Mann auf Martinshof auf. Unter seinem Arm trug er geschäftig ein Leder-Mäppchen. “Das ist doch ein Makler” war das erste, was meine Gedanken in Freiheit zu mir sagten. Ich erstarrte im Herzen und erst nach einer Weile konnte ich spionagemäßig im Küchen-Ess-Zimmer wie ein Tiger im Käfig auf und ab von einem Fenster zum anderen schleichen. Natürlich immer dezent versteckt, dass ich nicht plump im Fenster zu erhaschen war.

Dann tauchten viele Menschen auf. Sie sahen fein aus, cosmopolit und sehr schlank. Sie kamen von weiter her, dass konnte ich fühlen und sie sahen aus, als wollten sie Martinshof kaufen. Der Mann mit dem Leder-Mäppchen zeigte auf das Hexenhäuschen und ich duckte mich. Ich hatte etwas von einem Hasen, dem sein Bau aufgespürt wurde. Beim wieder-auf-steigen zeigte die feine-städtliche-Frau auf das reetgedeckte Haus. Eindeutige Gesten, die verraten was die Gedanken denken.

Ich bin zutiefst verwirrt. Mein Elan ist geschüttelt. Ich fühle mich in eine Falle gelockt. Bedroht. Meine Existenz wird mir vielleicht vor meiner Nase weggegeben. Mein Bau ist in Gefahr!

Gut, ich hab es jetzt noch nicht klar geäußert vorgetragen bekommen, heute war ich zu schnaubend und verunsichert in meinem Innern. Das wäre nicht gut gewesen, gleich im Anschluss zu Martin rüber zu gehen und ihn wie eine eifersüchtige Geliebte zu fragen. “Wer war das eben?!”

Ich bin wütend und frag mich die ganze Zeit, ob ich wütend sein darf. Und wenn ja, auf was ich wütend bin. Es ist sein gutes Recht sein Land samt Hexen-Häuserchens auch weiterhin anderen zu zeigen. Klar doch, wir haben ihm gesagt, dass wir Martinshof wunderschön finden und die Anwesen kaufen möchten, aber auch, dass wir uns Zeit nehmen wollen, um auf dem Land anzukommen und den Ort auf uns wirken zu lassen. Da verstehe ich, dass er sich nicht nur auf unser Wollen ausruht.

Aber, und da bewundere ich mein Manchmaloft-super-tolles-Yogini-Vorbild-von-Mann für seine Andersartigkeit. Da sagt Rado doch zwischen meinen zermarternden Gedanken-Freigängen so etwas wie “Wenn die mehr Geld bieten, kann ich ihn verstehen, wenn er es denen verkauft!”

Das verständnisvolle Wort erzürnte mich noch mehr und plötzlich hatte ich das Haar in der Suppe gefunden. Ich fand heraus, was mich im tiefsten Dorf-Gründer-Herz am Makler-läuft-mit-vielen-Interessenten-auf-Martinshof-umher-und-zeigt-auf-Häuser so ärgerte. Es war lediglich das aus-irgendwelchen-Gründen-verschluckte-darüber-sprechen. Hei, wie schön, eifersüchtig bin ich gar nicht, denn ich weiß, wenn diese Menschen diesen Ort von Martin erhalten, dann sollte das so sein und dann werde ich irgendwann auch die Auflösung für diese Wendung auf meinem Dorf-Gründungs-Weg erkennen. So war es schon immer und auf dies Erfahrungs-Sofa kann ich mich getrost und entspannt zurücklehnen. Dann wird was anderes auf uns warten, das ist klar wie Gemüse-Brühe.

Aber, diese kleine Feinheit, diese Nuance des Nicht-Veratens. Die macht mich wütend. Das ist es!

Am Freitag haben wir Martin zu Kaffee-und-Pfannkuchen-Blaubeer-Torte eingeladen. Wir dachten, es sei fair, ihn mal wieder auf dem Laufenden zu halten. Wir haben ihn einbezogen in unser Denken und er hat es wohl vergessen zu erwähnen, dass am Sonntag Menschen-samt-Makler zu einer Besichtigung nach Martinshof kommen. Autschn!

Aber immerhin weiß ich nun, was mich den ganzen Tag gejuckt hat. Das tut gut.
Und wer weiß wofür das alles gut ist.
Wäre ja auch zu Rosamunde-Pilcher-mäßig, wenn alles rund läuft.

Eine gute, friedliche Nacht wünsch ich allen Schlafenden!

Hinterlassen Sie einen Kommentar