voller Würde

26. März 2018

Ja, ich weiß, es ist über ein Jahr her, seit ich hier etwas veröffentlicht habe. Manchmal hab ich geschaut, ob sich schon ein paar von Euch von mir abgewandt haben. Dann hab ich mich warm angezogen und die Tür von der Statistik geöffnet. Da kann ich sehen, wer sich alles meinen Dornröschenschlafenden Blog abboniert hat. Keine Angst, ich sehe maximal die Mailadresse, und wenn die auch noch kryptisch ist, dann muss ich mir eine Person zurecht-phantasieren.

So als Über-ein-Jahr-schweigende-Bloggerin, die warm angezogen in ihrer Statistik steht und rumschaut, wird jede Adresse zu einer mich freundlich anlächelnden verständnisvollen Person. Danke, dass ihr gewartet habt.

Und verzeiht, ich saß in der Klemme.

Mir war, als hätte ich ein ganzes Jahr festgesteckt. Wie Dornröschen. Nur hab ich nicht geschlafen. Ich war Dornröschen und der Prinz, der Dornröschen wachküssen will, in einer Person. Ich steckte in den Rosen fest. Das Wollen-aber-nicht-wissen-was-noch-alles-tun-können hat mich arg gestresst. Oft hab ich mir gesagt “Lust hätte ich zu schreiben, nur wie soll ich davon berichten, was mich bewegt, wenn ich so wütend bin und alles so festgefahren ist?!

In meiner Verzweiflung hätte ich schriftlich rumgebrüllt. Ich hätte viele Menschen in meinem unsagbaren Wut-durch-Verzweiflungs-Jahr verletzt! Wenn ich zurück in meinen 2017-Gefühlskörper krieche – und da kann ich jetzt auch nur hineinkriechen, weil jetzt 2018 ist und ich wieder im Frieden mit mir und den Anderen bin – wenn ich also in meinen 2017-Leib zurückgehe, dann wird mir so viel klar. UND ich bin mir super-dankbar, dass ich hier auf meinem Blog nur nach Euch geschaut habe, ob ihr noch da seit. UND ich bin Euch super-dankbar, dass ihr mich nicht verlassen habt, nur weil ich mal abgetaucht bin. In Gedanken hab ich immer ganz liebevoll zu Euch gesagt “Sorry, ich weiß, es fühlt sich super-doof an, aber es ist besser, wenn ich Euch hier am langen Arm darben lassen. Glaubt mir! Sobald ich eine Lösung gefunden habe, um aus dieser bescheidenen Ich-stecke-fest-Situation rauszukommen, dann schreib ich. Versprochen!

Nun, das vergangene Komm-mir-bloß-nicht-noch-einmal-Jahr hab ich anständig verabschiedet. Ich brauchte noch die drei Monate vom Frischen, um mich vom Alten zu erholen. Mein 2017 war verdammt intensiv, turbulent, beängstigend, verletzend, lehrreich, ergiebig und effizient. Es war auch erhellend, peitschend und gnadenlos, so das es mich beinahe aus der Bahn geschmissen hätte. Viele Kratzer und blaue Flecken habe ich mir eingeheimst. Meine Seele war sogar zwischenzeitlich kurz vorm Sachen-packen.

Mir war nicht mehr klar, was ich als nächstes machen kann, um meiner Vision, ein produktives Miteinander zu gründen, näher zu kommen. Ich begann meinen geliebten Gedanken “Ich will ein Dorf gründen!” hirngespinstig zu finden. Ich empfand mich als armes Haschal und die Anderen, waren die Gesegneten. Brisante Fragen, die mein Selbst, die Anderen und die ganze Welt in frage stellten, streiften mich nicht nur einmal am Tag, nein, sie blieben 24 Stunden, über Wochen, Monate und wollten mich aus Neverstaven, dem Ort an dem ich doch gehofft hatte, ein produktives Miteinander gründen zu können, verscheuchen.

Sie standen vor mir mit verschränkten Armen, den Kopf arrogant nach oben gerichtet. Ihre Augen schossen verachtende Blicke, die mich durchlöcherten. Sie wurden immer größer während sie zu mir sprachen. “Du kommst dahergelaufen und denkst, Du kannst hier mitspielen? Merkst Du’s nicht, Dich brauch hier keiner!”

“Okay?!” am Anfang habe ich den Kopf eingezogen, war zaghaft, eingeschüchtert. Die im Raumstehenden Fragen hatten es geschafft, ich zweifelte an mir. Aber so richtig. Wie konnte ich nur so doof sein und meine Agentur, die schnurrte wie ein Mustang, auflösen und in meinem hohen Alter noch mal bei Null anfangen?! Was hatte mich geritten, Rado bei all seinen Leidenschaften zu unterstützen und meine erst einmal beiseite zu stellen? Wie verpeilt war ich bloß? Ich lebte nun im vierten Jahr allen gegenüber offen und ehrlich, dass ich ein produktives Miteinander initiieren wollte, deshalb hier her gekommen war und nun fühlte es sich kalt an. bitter-kalt und stechend-windig. Wo war mein Platz im Leben?

Das reichte natürlich noch nicht, es kam vom Schicksal noch mal anders-dicke, Krankheit und Tod standen bei mir auf der Fußmatte und schwups, war alles fundamental im Keller. Ich hatte Angst. Angst, dass mir alles genommen wird, was mir lieb ist und das ich mich getäuscht hatte, als ich diesen Weg einschlug.
Ich fühlte mich alleine, verlassen und verloren. Ich wurde traurig. Meinen engsten Freunde vertraute ich mich an und ich bin ihnen dankbar für das mir-Rückendeckung geben. Manche wussten nicht so recht, wie sie mir bei meinem Vorhaben zur Seite stehen können und ihre Verzweiflung machte die Situation noch intensiver. Und auch, dass unseren GUTDING-MitarbeiterInnen und -UnterstützerInnen so bedingungslos geholfen haben, als ich völlig überfordert und mutterseelen-alleine dastand. Ich bin ihnen zu tiefst dankbar. Mir kommen jetzt noch die Tränen in die Augen geschossen, wenn ich an die Verbundenheit im letzten Mai denke.

Nach der Tal-Fahrt, berappelte ich mich wieder und krempelte die Arme hoch. Ich realisierte, dass ich lernen möchte-muss, zu sagen, was ich brauche, wenn ich nicht untergehen möchte-will. Doch so leicht ist es gar nicht. Ich musste erst lernen, die Wut kommen zu lassen, sich entfalten zu lassen und dann, die mich verängstigende Wut fragen lernen, was sie mir sagen will. Während die Wut so unkontrolliert poltert, habe ich geübt, immer wieder die unangenehme Scham zu ertragen. Wenn ich vor Wut lauter wurde, manchmaloft unschöne Worte benutzte, mich trampelig-unsozial anfühlte und ungeübt meine Erkenntnisse und Gefühle versuchte zu erklären, dann kämpfte ich gleichzeitig mit meinen Scham-Dämonen.

Das mich-nicht-verständlich-machen-können und das nicht-verstehen hat mich gemürbt. Gefühlte 1.000 Mal habe ich es versucht. Gefühlte 1.000 Mal habe ich mich dabei selber verletzt, weil ich es immer wieder versucht habe, mich verständlich zu machen.

Am Ende fühlte ich mich wie ein Boxer, der sich freiwillig und siegessicher zum Kampf aufstellen ließ, der an sich glaubte und nun als Versager, ramponiert in der Ecke des Rings sitzt und dem es wurscht ist, dass ihm Blutiger-Speichel aus den Mundwinkeln läuft. Sein Ruf ist eh ruiniert. Ich fühlte mich elendig. Und dann wurde ich erneut wütend. Ich verstand die Anderen nicht. Ich versuchte mich erneut zu erklären. Es wurde immer schlimmer. Ich konnte mich nicht mehr verständlich machen. Meine Wort wurde schon missverstanden, während sie noch in meinem Mund waren. Es war wie verzaubert, ich wurde an jeder Ecke meines Lebens wütend. Es war, als wäre ich dem Welten-Schmerz oder besser gesagt der Welten-Wut begegnet. Ich tauchte ein in Wut und Schmerz. Ich konnte mit einem mal alle Menschen verstehen, die wüteten und in ihrer Verzweiflung strafbare Dinge begangen. Wenn ich mich nicht immer wieder mit mir selber hingesetzt hätte und mit mir, mein Mich angeschaut hätte, ich wäre mit ihnen umhergewütet.

Doch, das schöne an mir ist, dass wenn ich fundamental im Keller angekommen bin, mit meiner Wange, den Händen und den Beinen, mit dem ganzen Leib den feucht-kalten Kellerboden spüre, dann wird in mir eine Art Terminator-Auslöser gedrückt. Alle Wunden verheilen dann, alles was passiert ist, kann ich voller Liebe anschauen. Neu zueinanderstellen und friedlich betrachten, als wenn ich als eine Andere bin und von oben auf das Geschehene blicke. Dann gelinkt es mir sogar, mich und mein Handeln mit den Verletzungen zu reflektieren, meinen Anteil an dem Ganzen zu sehen und auch lieb-haben zu können. Es fühlt sich dann mit einem Mal wie ein Geschenk an und nicht wie eine Schande oder Strafe.

Leider oder zum Glück, werde ich immer erst, wenn ich mit meiner Wange, den Händen und den Beinen, den feucht-kalten Kellerboden fühle, schlau aus dem Ganzen.

Die Knochen tun mir dann weh, die Kratzer und blauen Flecken müssen dann verheilen, das geht nicht so schnell. Nur mein Geist ist fix wieder frisch.

Voller Freude habe ich erkannt, dass ich nur mich verändern kann. Ich hatte mich bitterlichst in den Anderen verloren. Die Erkenntnis war nicht schön, aber klärte viel in mir. Lust versammelte sich in mir, mich um mich zu kümmern, um meine Leidenschaften. Ich möchte würdevoll mit mir umgehen. Ich möchte das machen und umsetzen, wofür ich 2012 meine Agentur an Nagel gehängt habe.

Ich bringe mich jetzt in Bewegung! Und wenn ich in Bewegung komme, dann wird sich mein Umfeld auch schon in Bewegung setzen! Lustig, jetzt spreche ich wie eine weise Alte.

Egal, schaut, was ich schon alles bewegt habe. Ich bin ganz aufgeregt es hinauszuposaunen und noch etwas schüchtern. Mein Concept-Store, mein Lädchen mit guten Dingen ist vorerst in der virtuellen Welt unter www.gutding.org/shop/ zu bestaunen, bis es in Neverstaven soweit ist, dass ich Stühle an Tischen stelle und schönes in Regale einräume. Rado und ich haben einen Online-Shop eröffnet. Dort findest Du alle meine Upcycling-Kreationen, meine Kunst und ganz neu – unsere Postkarten. Wir nennen sie Nu-Karten, denn ohne Nu ist er ganz schnell vorbei. Ich hab gezeichnet, gesonnen und voller Freude mein ICH wiedergefunden.

Später dann, in echt und in Farbe, mach ich Dir einen Kaffee und setzt mich zu Dir, wir kommen ins Plaudern und Philosophieren …. und dann lese ich irgendwann auch aus meinem Buch vor in diesem Laden … zu schreiben habe ich jetzt nämlich auch endlich begonnen … ich bin mir gerade treu und das fühlt sich wunderschön an.

Ich gebe mir die Würde zurück, die ich verloren hatte.

DANKE, LIEBE WEGBEGLEITER_INNEN!

9 Kommentare vorhanden

  1. Oh je …
    Da hatte ich wohl ein, zwei ähnliche Jahre hinter mir …
    Aber “Neustart drücken” hilft!
    Up the rebels!
    Gute Grüße
    Eberhard

  2. Susanne sagt:

    Fühl dich umärmelt und weiter positiv denken
    LG susanne

  3. Das ist doch schön, von dir zu lesen.
    Danke erstmal für deinen Film, den mit Rado, das ist superschön und gelungen.
    Und nun, danke fürs Teilen deiner Zeit 2017, schließt an die Lebendigkeit vom Film direkt an. Deine Zeit, deine besonder Art, die Erfahrungen zu bewegen.
    „Uns an deinem ausgestreckten hungern lassen“ – coole Vorstellung ;).
    Erinnert mich an diese Spiele in der Kindheit, weißt du noch? Auf der Wippe:
    Fragt der Schwerere (unten) den Leichteren (oben): „wieviel Tage willst du oben bleiben?“. Schelmenhaft, mit hochgeschobenen Ärmeln, mit der Kraft des Humors, der Überlegenheit in dieser Situation.
    Es macht soviel aus, wie wir Kräfte der Hingabe, der Unter- oder Überlegenheit wandeln. Wie wir sie als Kräfte für unsere Projekt „Leben“ nutzen.
    So empfinde ich dein Teilen als sinnliche, als zarte Einladung zu dir, zu deinem Kaffee in Spe (sehr schöne Idee) – das weiterzuteilen, was uns durchs Leben mal straucheln lässt mal trägt.
    Bestimmt schön, was du noch alles anziehst und bewegst – ich wünsche dir, Rado, deinen Freunden, deinem Laden ein herziges Weiter wippen, Ärmel hoch, Arme und Kraft bewundern, staunen, was sich tut in und um die Körper und Seelen.
    Habe es gut!
    Dein Fan auf die Entfernung,
    Daniel Wolff aus Karlsruhe

    • agapi sagt:

      Lieber Daniel,
      danke für Deine Resonanz, die tut mir gut und macht mich glücklich.
      Oh ja, das mit der Wippe haben wir auch gespielt. Ich erinnere mich noch gut an das Kennenlernen meiner eigenen Macht, als ich auf einmal die Schwerere war und ein leichteres Wesen oben zappelte. Das fühlte sich schön und kostbar an und als ich dann den Spruch aufsagte, den sonst immer die anderen zu mir sagten und wo ich mich immer abhängig fühlte und dem Schwereren ausgesetzt, da weiß ich auch noch gut, dass ich dieses Nutzen meiner Macht auch aushalten lernen musste. Wunderschönes Bild, darüber sinne ich mal weiter. Danke Dir dafür.

      Hab Du es auch gut!
      Es freut mich, dass Du Dich mir auch gezeigt hast.

      Herzensgrüße und bis auf irgendwann in meinem Café,
      Agapi

  4. Beate sagt:

    Liebe Agapi,

    schön, dass du wieder aufgetaucht bist. Und dass du durchgehalten hast. Das Alte muss weg, um Platz für Neues zu schaffen, und manchmal ist dieser Prozeß sehr, sehr schmerzhaft. Aber auch sehr lohnend, wenn man auf der anderen Seite wieder herauskommt und den Goldtopf findet.

    Freue mich auf dein Café! Und herzlichen Glückwunsch zur Auszeichung auf der Biofach (hat mir mein Biodealer verraten als ich die leckeren neuen Kreationen probiert habe!)

    Herzensgrüße, Beate

    • agapi sagt:

      Danke Dir, liebe Beate!

      Der Goldtopf auf der anderen Seite.
      Welch ein schönes Bild.
      Den Topf zeichne ich mir mal und hänge ihn mir neben mein Bett.
      Den mag ich sehen. Jeden Morgen.

      Freu-Grüße,
      Agapi

  5. I. aus T. per mail sagt:

    Hallo Agapi,

    wir kennen uns nicht!
    Danke für deinen ehrlichen Artikel „voller Würde“, den werde ich noch viele Male lesen.
    Vielleicht kommt auch bei mir noch die Erleuchtung.

    Habe jetzt viel Zeit und lese, lese, denke, lese, da ich eine Auszeit vom Marketing/PR-Job nehme – nach 28 Jahren endlich und  alles hinterfrage – auch mich. Watt ne schwierige Nummer…. :)))
    Daher DANKE für die vielen ehrlichen Gedanken…. in „voller Würde“
    Sehr heilend für mich…! Werde die nächsten Tage mal alles lesen auf deiner Seite, wer weiß vielleicht kommen mir dann
    auch kreative Ideen für ein Leben voller Glücksmomente. Könnte Spaß machen…
    (…)
    DIR SAUVIEL GLÜCK, mehr Leberwurst und einen blumigen Verstand weiterhin.
    PS: Euer  Film „Selbstdarstellung“ ist super – sehr sympathisch.
    Lachen und ehrlich sein erlaubt!!!

    I. aus T.

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