Agapi pur

9. November 2018

Manchmal brauche ich vom Schicksal richtig einen vorn Bug, damit ich wach werde.
Und dummerweise tauche ich danach immer wieder in alte Strickmuster, um mich schlafen zu legen.
Jedesmal stehe ich kopfschüttelnd da und denk “Das hab ich doch schon tausend Mal erlebt? Wie oft muss ich das noch durchmachen, um am Anfang schon zu begreifen, dass da wieder mein Strickmuster auf mich wartet?”

Ich hab keine Lust mehr.
Ich will ein neues Strickmuster.

Statt mir jetzt eine Kurz-Haar-Frisur zu verpassen, um aller Welt zu zeigen, dass ich offensichtlich in einer Midlife-Crisis stecke, habe ich mir gedacht, dass ich meinem Blog ein neues Logo verpasse. Es ist die Konsequenz meiner Dies-Jahr-Erkenntnis.

Zur Eröffnung dieses Blogs habe ich 2013 lauthals verkündet, ein Dorf gründen zu wollen.
Jetzt, Ende 2018 habe ich begriffen, dass ich mich kräftig geirrrt habe.

Geschlagen vom Schicksal, ganz unten am Boden der Erkenntnis, sehe ich ein, dass ich MICH gründen will. MICH aufbauen, MEINE Trümmerfrau sein und MIR vergeben will.

Zum besseren Verständnis. Ich unterteile mein Leben in Tiefschläge. Da gibt es die Tadel-Tiefschläge, die wie kleine Schläge auf den Hinterkopf daherkommen und bei denen ich recht zügig verstehe, was ich verändern soll. Sie kann ich kurz darauf schon “Bloody Gifts” nennen. Ja, die Tadel-Tiefschläge empfinde ich bald schon als Entwicklungs-Geschenk. Ich bin ihnen dankbar, dass sie mich besuchen.

Und dann gibt es da die Waldbrand-Tiefschläge. Bei ihnen brauche ich lange, sehr lange, um wieder aufrecht gehen zu können. Sie schlagen alles in mir kurz und klein, lassen mich unbehütet im kalten Nass liegen. Gedemütigt von Schaulustigen liege ich regungslos da. Ich kann mich nicht mehr bewegen; ich bin auf Hilfe angewiesen.

Diese Waldbrand-Tiefschläge tun richtig weh. Seelisch und Körperlich.
Ihnen bin ich erst Jahre später dankbar.

Seit meinem letzten Waldbrand-Tiefschlag, in 2005, bin ich auf der Suche nach meinem Ich. Dank einer sieben-jährigen Therapie fühle ich mich nicht mehr verloren. Seither bin ich mir stetig auf den Fersen und weiß schon sehr viel über mich. Als Dankeschön habe ich mit 38 endlich einen Partner an mich ran lassen können, dem ich vertraue und dem ich mich verletzlich zeigen kann. Ich bin mir dankbar für alles was ich erkannt und verändert habe.

Den jetzigen Waldbrand-Tiefschlag kann ich noch nicht im Ganzen greifen, aber ich kann erahnen worum es geht. Mir ist meine unbewusste Rücksichtslosigkeit mir gegenüber aufgefallen. Sie steckt ganz tief in mir drinnen. Ich falle mir ständig in den Rücken. Arbeite gegen mich. Raube mich aus. Es ist, als würde etwas in mir stumpf gehorchen, um geliebt zu werden. Es ist wie ein Urtrieb. Dann fühle ich mich wie ein Kind, das seinen Eltern gehorcht, weil es geliebt werden will. Aus Angst und mangels Alternativen.

Ich fühle mich diesem Reflex ausgeliefert. Heute noch können Lebens-Begebenheiten und Menschen die gleichen Reize in mir auslösen. Dann biete ich mich an. Es ist, als würde ich mir versuchen Orientierung zu geben indem ich mich einer gut gemeinten, strafenden Konsequenz aussetze. Dann gründe ich ein Dorf, opfere mich diesem Gedanken und werde sichtbar, indem ich mich als ein respektvoller, verantwortungsvoller und pflichtbewusster Menschen anbiete. Würde ich mich nicht herschenken, würde ich mich als eine rücksichtslose, selbstsüchtige und faule Kreatur fühlen.

Lieber Waldbrand-Tiefschlag, eins habe ich jetzt schon begriffen. Ich möchte endlich zu einem freien Wesen heranwachsen. Unabhängig von Lob und Tadel. Unabhängig von materiellem Erfolg. Ich möchte nicht mehr rücksichtslos zu mir sein, weil es mir an Selbstbewusstsein fehlt und ich Anerkennungs-hungrig bin. Ich trage genügend in mir, um mir darüber bewusst zu sein und mich selber Anerkennungs-satt zu machen.

In meinem tiefsten Herzen, weiß ich, dass ich ein toller Mensch bin.Ich will mich dafür nicht mehr schämen.

So möchte ich jetzt einen neuen Weg einschlagen. Ich weiß, dass es sich am Anfang ungewohnt anfühlen wird, wie wenn man sich als Rechtshänder mit links die Zähne putzt. Ich möchte bewusst meine vermeintliche Komfort-Zone verlassen, um meine wahre Komfort-Zone zu erreichen. Dann wachse ich irgendwann zu einem freien ICH heran.
Das wünsche ich mir so sehr.

Geh hinaus in die Welt und zeig Dich mit dem was Du in Dir trägst, Agapi!
Versteck Dich nicht mehr hinter großen Projekten.
Lebe Dich!
Agapi pur!

6 Kommentare vorhanden

  1. Liebe Agapi, mach genau das, was Du hier für und an Dich geschrieben hast.
    Darum geht es im Leben. Für uns alle.
    Dazu das folgende:
    “Wenn jeder für sich selber sorgt, ist für alle gesorgt”.
    Viele (vor allem konservativ verhaftete) werden das auf den ersten Blick als egoistisch verstehen.
    Ist es aber gar nicht.
    Nur wenn jeder von uns sich selber ernst nimmt und für sein Seelenheil sorgt, hat er die Kraft, für seine Freunde, für seine Ideale da zu sein.

    • agapi sagt:

      danke benita.
      ja, genau das will ich lernen und es hilft mir sehr, was du mir da auf den weg mitgibst.
      das brauche ich gerade.
      rückendeckung.
      DANKE!
      … ich drück dich,
      agapi

  2. Danke Agapi, dafür, dass Du das hier so teilst und ich daran teilhaben darf.

  3. E. per mail sagt:

    Liebe Agapi,

    die CD, die der Dezemberausgabe von „stereoplay“ beigeklebt ist,
    ist so wunderschön, entspannend und heilsam, dass sie vermutlich jetzt genau das Richtige für dich
    sein könnte.
    Manche löschen ja Waldbrände gerne mit Wasser.
    Ich vermute, mit dieser CD geht das zehnmal besser …
    Büdi Siebert war mein Saxophonlehrer, und ich habe bei ihm/von ihm viel mehr gelernt als „nur“ Musik.
    Heft + CD (mit viel Hintergrundinfo) zusammen erhältst du für nur 6,90 € bei gutsortierten Zeitschriftenhändlern.

    Ich hoffe, ich konnte dir damit helfen!

    Viele Grüße, weiterhin alles Gute
    E.

  4. R.R. per mail sagt:

    Huhu liebe Agapi. Habe gerade deinen letzten Blogpost gelesen und wusste so genau wovon du sprichst. Oder glaube zumindest zu wissen. Hab mich darin wiedererkannt, gespiegelt, vieleicht auch projiziert. So ein bisschen hatte ich das Gefühl, dass bei uns die eine oder andere Sache sehr ähnlich ging und geht. Auf anderen Zeitschienen zwar, ich bin ja auch ein Stückchen älter als du, aber da war innwändig große Resonanz. Ich würde richtig gerne mal mit dir darüber ein bisschen sprechen. Wir kennen uns kaum, ich weiss, und vielleicht ist es auch vermessen zu denken, dass du das vielleicht auch wollen könntest. Ich hatte, immer wenn ich dich mal kurz traf, ein Gefühl von Vertrautheit. Weisst du, dass ich (und wir) seit knapp 18 Monaten in der Nähe des Bodensees leben? Das macht es gerade nicht einfacher. Aber vielleicht ist es auch gut so und irgendwann ergibt sich etwas. So hast du es wenigstens mal gehört. Liebe Grüße aus dem Land in dem man weiss was dein Name bedeutet. xx

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